In den Niederlanden haben Forschende 2024 die Antworten von 622 Katzenhaltern und 3.009 Hundehaltern zum Thema Feuerwerk ausgewertet. Eine Zahl daraus sagt mehr über Silvester als jede Statistik zur Nacht selbst: 64 Prozent der Befragten hörten Feuerwerk schon ab September. Für Katzen beginnt die Knallerei also nicht um Mitternacht, sondern irgendwann im Herbst und endet im Januar.
Eine zweite Zahl aus derselben Studie ist unbequemer. Haltern von Hunden mit Feuerwerksangst suchten in 54 Prozent der Fälle Rat. Bei Katzen waren es 23 Prozent. Und nur 4 Prozent der Kätzchen waren je gezielt an Geräusche gewöhnt worden. Katzen suchen seltener Hilfe, und ich vermute, dass Katzenangst schlicht leiser ist als Hundeangst und deshalb weniger auffällt.
Dieser Beitrag klärt, was Böllerlärm für ein Katzenohr bedeutet, was sich akustisch tun lässt und wo die Akustik endet und die Tiermedizin beginnt.
Was eine Katze hört
Katzen gehören zu den Säugetieren mit dem breitesten Hörbereich. Henry Heffner und Rickye Heffner bestimmten 1985 per Verhaltensaudiogramm bei zwei Katzen die Hörgrenzen. Ergebnis: Bei 70 dB Schalldruckpegel reicht das Hörfeld von 48 Hz bis 85 kHz (Hearing Research, PMID 4066516). Der Mensch kommt in der Zusammenstellung, die wir im Hunde-Artikel genutzt haben, auf 64 bis 23.000 Hz. Nach oben hört die Katze also knapp zwei Oktaven mehr als wir. Die Autoren schließen daraus, dass Katzen das hohe Frequenzspektrum entwickelt haben, ohne unten etwas zu verlieren.
Was daraus für Silvester folgt, ist weniger eindeutig, als es klingt. Ob ein Böller messbare Anteile im Ultraschall hat, die eine Katze hört und wir nicht, geht aus der Studie nicht hervor. Sicher ist etwas anderes: Der Pegel. Ein zugelassener F2-Böller darf 120 dB in 8 Metern Abstand erreichen, am Zündort sind es nach der 6-dB-Regel bis zu 138 dB. Die Rechnung steht in unserer Böller-Dezibel-Tabelle. Der Deutsche Tierschutzbund formuliert es für Haustiere so, dass sie die Geräusche durch ihr sensibles Gehör sehr viel lauter hören und nicht einordnen können. Das Umweltbundesamt nennt die Knallerei für Hunde und Katzen eine Qual, weil sie ein feines Gehör haben.
Das Einordnen ist, wie ich finde, der eigentliche Punkt. Ein Mensch weiß, dass der Knall von der Straße kommt und in zehn Minuten vorbei ist. Eine Katze weiß gar nichts. Für sie ist ein Schalldruckpegel nahe der Schmerzgrenze, der aus dem Nichts kommt, schlicht ein Angriff.
Wie sich Katzenangst zeigt
Wer die Angst nicht erkennt, kann sie nicht lindern. Eine Umfrage aus Neuseeland (Auckland, 2011) wertete 1.007 Fragebögen zu 3.527 Tieren aus. 46 Prozent der Tiere zeigten für ihre Halter erkennbare Angst vor Feuerwerk. Der Unterschied zwischen den Arten: Hunde zeigten häufiger aktive Angstreaktionen, Katzen eher Verstecken und Kauern (New Zealand Veterinary Journal, PMID 21151214).
Dazu passt die niederländische Zusammenfassung: Betroffene Tiere erstarren, verstecken sich, fliehen, verlieren den Appetit, ziehen sich zurück oder setzen Kot und Urin an ungewohnten Stellen ab (Veterinary and Animal Science 2024, PMID 39497813). Eine Katze, die unter dem Bett verschwindet und nicht herauskommt, ist also nicht gelassen. Sie ist eher schlecht zu sehen.
Der Rückzugsort: Warum ein Raum besser ist als ein Körbchen
Die Bundestierärztekammer rät, dem Tier die Entscheidung zu überlassen, ob es Nähe will oder sich zurückziehen möchte. Der Deutsche Tierschutzbund nennt für Katzen einen Rückzugsort, an dem sie sich sicher fühlen. Beides ist plausibel. Belegt ist es für den Feuerwerksfall allerdings nur indirekt.
Die beste Studie zum Verstecken stammt aus einem Tierheim. In einem niederländischen Heim bekamen 12 neu aufgenommene Katzen eine Versteckbox, 11 nicht. Bewertet wurde der Stress nach dem Cat-Stress-Score. Die Katzen mit Box erreichten ihr niedrigeres Stressniveau sieben Tage früher als die ohne (PLoS One 2019, PMID 31609987). Das ist eine kleine Studie mit 23 Tieren und einer anderen Belastung als Feuerwerk. Als Hinweis taugt sie trotzdem: Wer sich verstecken kann, beruhigt sich schneller.
Akustisch heißt das, den Raum nach Pegel zu wählen:
- Innen statt Straße: Ein Zimmer ohne Fenster zur Straße oder ein Bad, im Idealfall mit mehreren Wänden zur Außenwand. Je mehr Masse zwischen Katze und Knall, desto leiser.
- Fenster zu, Rollladen runter: Das Fenster ist die schwächste Stelle der Fassade. Alte Einfachverglasung dämmt 20 bis 24 dB, Standard-Isolierglas 28 bis 30 dB, moderne Schallschutzfenster 32 bis 42 dB, wie wir im Beitrag zum Schallschutz von Fenstern zusammengetragen haben. Undichte Dichtungen nehmen davon 5 bis 10 dB weg. Eine Überschlagsrechnung: Ein Böller mit 112 dB vor dem Fenster kommt hinter einem Fenster mit Rw 30 mit grob 80 dB im Zimmer an. Das ist immer noch laut, aber 32 dB weniger.
- Vorhänge zuziehen: Sie nehmen dem Raum etwas Hall und die Lichtblitze. Ein dichtes Fenster ersetzen sie nicht.
- Hintergrundgeräusche: Der Tierschutzbund nennt Musik oder einen laufenden Fernseher als Ablenkung von den Geräuschen draußen. Meine Einschätzung: Gleichmäßiges Grundrauschen nimmt den Knallen etwas von ihrem Überraschungseffekt. Laut aufdrehen sollten Sie es nicht, sonst kommt zum Böller ein zweiter Lärm.
- Versteck anbieten, nicht erzwingen: Karton mit Decke, Höhle, Platz unter dem Tisch, Wasser und Katzenklo in der Nähe. Die Katze entscheidet, ob sie hineingeht.
Trösten, aber richtig
Hier gehen die Ratschläge auseinander. Die Bundestierärztekammer schreibt, einigen Hunden und Katzen helfe es, wenn man sich intensiv mit ihnen beschäftigt. Der Tierschutzbund rät, in der Nähe zu bleiben und sich souverän zu verhalten, übermäßiges Streicheln und Zureden helfe nicht. Die neuseeländische Umfrage fand einen Zusammenhang zwischen Trösten und stärkerer, längerer Angstreaktion. Die Autoren betonen selbst, dass das nur eine Beobachtung nach Angaben der Halter ist und keine Ursache belegt.
Mein Fazit aus diesen drei Quellen: Bleiben Sie da, bleiben Sie ruhig, und lassen Sie die Katze den Abstand bestimmen. Wenn sie Spiel oder Futter annimmt, gut. Wenn sie sich unter dem Schrank verkriecht, lassen Sie sie dort.
Freigänger: Die Gefahr liegt draußen
Der Tierschutzbund warnt, dass Katzen in Panik vor Autos laufen oder sich in Kellern, Schuppen und Garagen verstecken, ohne wieder herauszufinden, und dass viele kilometerweit weglaufen. Die Bundestierärztekammer empfiehlt, Freigängerkatzen in der Wohnung zu behalten. In der Neuseeland-Umfrage hatten 6 Prozent der Tiere (Hunde und Katzen zusammen) Verletzungen durch Feuerwerk.
Also: Katzen am Silvestertag im Haus lassen. Der Tierschutzbund empfiehlt außerdem einen Mikrochip, registriert zum Beispiel bei FINDEFIX. Das ist keine Akustikfrage, aber in der Silvesternacht die wichtigste Maßnahme überhaupt.
Gewöhnung: Wochen vor Silvester, nicht am 31. Dezember
Die niederländische Studie fand, dass die Vorerfahrung bei Hunden mit mehr Feuerwerksangst zusammenhing, bei Katzen aber nicht. Für Katzen ist die Lage also schlechter dokumentiert, nicht besser. Dass nur 4 Prozent der Kätzchen an Geräusche gewöhnt wurden, zeigt zumindest, wie selten es versucht wird.
Wer Aufnahmen nutzt, sollte sich am Vorgehen orientieren, das wir im Hunde-Artikel beschrieben haben: so leise, dass die Katze es bemerkt, aber nicht reagiert, dazu etwas Gutes, Lautstärke nur in kleinen Schritten. Belegt ist für Katzen vor allem, dass dauerhafte Besserungen durch die üblichen Maßnahmen selten waren. In den Niederlanden berichteten weniger als 30 Prozent der Halter von einer lang anhaltenden Wirkung der am häufigsten genutzten Maßnahmen. Wer mehr will, braucht Fachleute, nicht noch ein Produkt.
Wann die Tierarztpraxis zuständig ist
Ab hier hört die Akustik auf. Bei einer Katze, die tagelang nicht frisst, die an ungewohnten Stellen Urin lässt oder in Panik um sich schlägt, hilft keine Dämmung. Der Tierschutzbund sagt eindeutig, dass Beruhigungsmittel keinesfalls in Eigenregie gegeben werden dürfen, sondern nur nach Rücksprache mit der Tierärztin. Die Bundestierärztekammer rät, bei besonders ängstlichen Tieren mit der Tierarztpraxis zu besprechen, was infrage kommt. Welche Mittel, in welcher Menge und zu welchem Zeitpunkt, entscheidet die Praxis, die Ihre Katze kennt. Rufen Sie dort besser im November an als am 30. Dezember.
Und die Nachbarn?
Die Knallerei vor dem Fenster kennt Regeln, an die sich nicht jeder hält. Was wann erlaubt ist und wann Bußgeld droht, steht in unserem Beitrag zur Silvester-Ruhestörung. Und wer selbst zündet: Der Umweltbundesamt-Tipp lautet, möglichst geräuscharmes Feuerwerk zu wählen, weil es Menschen und Tiere deutlich weniger belastet.
Die Checkliste für die Silvesterwoche
- Zimmer mit wenig Außenwand wählen, Fenster und Rollladen schließen, bevor es losgeht.
- Versteck, Wasser, Katzenklo und Futter bereitstellen. Die Katze entscheidet, ob sie es nutzt.
- Hintergrundgeräusch in mäßiger Lautstärke, nicht laut.
- Freigänger ab dem Nachmittag im Haus behalten, Mikrochip prüfen und registrieren.
- In der Nähe bleiben, ruhig bleiben, nicht aufdrängen.
- Bei starker Angst frühzeitig die Tierarztpraxis anrufen.
Einen Böller dämmen kann niemand. Aber Sie können den Pegel im Zimmer um etliche Dezibel senken, wenn Sie das richtige Zimmer wählen und die Fenster dicht machen. Für eine Katze, die nicht versteht, woher der Knall kommt, ist das schon viel.
Quellen: Heffner RS, Heffner HE, "Hearing range of the domestic cat", Hearing Research 19 (1985), PMID 4066516 · "Firework aversion in cats and dogs as reported by Dutch animal owners", Veterinary and Animal Science 2024, PMID 39497813 · "A survey of owners' perceptions of fear of fireworks in a sample of dogs and cats in New Zealand", New Zealand Veterinary Journal 2011, PMID 21151214 · "The effect of a hiding box on stress levels and body weight in Dutch shelter cats", PLoS One 2019, PMID 31609987 · Deutscher Tierschutzbund, "Silvester ohne Panik: Wie Haustiere den Jahreswechsel sicher überstehen", Pressemeldung 18.12.2024 · Bundestierärztekammer, "Purer Stress für Tiere!", Pressemeldung 16.12.2019 · Umweltbundesamt, "Silvester: ohne (viel) Schall und Rauch ins neue Jahr", Stand 28.10.2025.
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