Nach dem Jahreswechsel 1999/2000 zählte eine Forschergruppe um Stefan Plontke von der Tübinger HNO-Klinik nach: Sie fragten 562 Stellen ab, darunter 31 Universitätskliniken, 87 städtische Krankenhäuser und 444 HNO-Praxen, wie viele Patienten mit einem Knalltrauma durch Feuerwerk gekommen waren. Hochgerechnet auf alle Kliniken und Praxen im Dienst ergaben sich 8.160 Fälle, das sind 9,9 pro 100.000 Einwohner. Bei den 6- bis 25-Jährigen lag der Wert bei 28 pro 100.000, bei 19-jährigen Männern bei 107. Bei dieser Gruppe landete also gut jeder Tausendste mit einem Hörschaden beim Arzt, und das sind nur die, die hingingen. Veröffentlicht wurde die Studie 2002 im European Archives of Oto-Rhino-Laryngology.
Dabei gibt es eine Obergrenze für zugelassene Böller. Das Problem ist die Zahl dahinter und die Frage, aus welcher Entfernung sie gilt.
Was die Norm erlaubt: 120 dB, aber in drei verschiedenen Abständen
Feuerwerkskörper für Privatleute teilt die EU-Richtlinie 2013/29/EU in Kategorien ein, in Deutschland als F1 bis F4 umgesetzt. Für den Lärm gilt nach den technischen Anforderungen, die auch Schweizer Bundesbehörden in ihrem Bericht zur Feuerwerksinitiative von 2024 wiedergeben, immer derselbe Wert: 120 dB(A) im Impulsmodus. Nur der Messabstand unterscheidet sich:
| Kategorie | Wer darf | Messabstand | Grenzwert |
|---|---|---|---|
| F1 | ab 12 Jahren, ganzjährig | 1 m | 120 dB(A, Imp.) |
| F2 | ab 18 Jahren, nur Silvester und Neujahr | 8 m | 120 dB(A, Imp.) |
| F3 | nur mit Erlaubnis oder Befähigungsschein | 15 m | 120 dB(A, Imp.) |
Die Schweizer Unfallversicherung Suva nennt für Arbeitnehmer 120 dB(A) als Präventionsgrenzwert und 125 dB(A) als Schädigungsgrenze, wie derselbe Bericht festhält. Der Böller darf also bis an die Schwelle gehen, ab der Schäden zu erwarten sind. Das Entscheidende steht aber im Kleingedruckten der Tabelle: Bei F2 ist sie in acht Metern Entfernung gemessen, und im Moment des Anzündens steht niemand in acht Metern Entfernung. Ein Böller wird in der Hand gehalten, auf den Boden gelegt oder in eine Flasche gestellt und dann aus ein bis zwei Metern beobachtet.
Im Wikipedia-Artikel zu Knallkörpern steht, der Gesetzesrahmen lasse 120 dB in acht Metern zu, die meisten heutigen Chinaböller erreichten das aber nicht mehr annähernd, weil Wandstärke und Pulvermenge gesunken seien. Ein Messprotokoll gibt es dafür nicht, es ist eine Beschreibung. Bei illegalen Knallern, so die österreichische Informationsseite Lärminfo.at, sei die Lautstärke ohnehin unkalkulierbar.
Von acht Metern auf einen: die Rechnung
Schall nimmt im freien Feld mit jeder Verdopplung der Entfernung um etwa 6 dB ab, in die andere Richtung nimmt er entsprechend zu. Lärminfo.at rechnet vor, dass ein F2-Artikel mit 120 dB in 8 m in 2 m Entfernung bereits 132 dB erreicht, und fügt hinzu, die auf das Ohr treffende Energie steige damit auf mehr als das Zehnfache. Setzt man die Rechnung fort, ergibt sich diese Tabelle (eigene Berechnung nach der 6-dB-Regel, ohne Reflexionen und für einen Böller genau an der Grenze des Erlaubten):
| Abstand zum Böller | F1 (120 dB bei 1 m) | F2 (120 dB bei 8 m) | F3 (120 dB bei 15 m) |
|---|---|---|---|
| 1 m | 120 dB | 138 dB | 144 dB |
| 2 m | 114 dB | 132 dB | 138 dB |
| 4 m | 108 dB | 126 dB | 132 dB |
| 8 m | 102 dB | 120 dB | 126 dB |
| 16 m | 96 dB | 114 dB | 120 dB |
| 32 m | 90 dB | 108 dB | 114 dB |
Spitzenpegel statt Mittelwert
Das wichtigste Messergebnis stammt aus den Niederlanden. Der Akustiker Guido Smoorenburg vom TNO-Institut in Soesterberg untersuchte 1993 Chinaböller und fand Spitzenpegel am Ohr von zum Teil mehr als 160 dB bei einem Abstand von 2 m. Zum Vergleich nennt er den Schadensmaßstab für Impulsschall: Bei zehn Knallen sollten 149 dB Spitzenpegel (linear) am Ohr nicht überschritten werden, im A-bewerteten Impulspegel 125 dB(A).
Der HNO-Artikel von 2023, um den es unten noch geht, fasst die Studienlage ähnlich zusammen. Selbst in 6 m Entfernung könne der Schallpegel eines explodierenden Feuerwerkskörpers über 110 dB SPL liegen, in 2 m seien bis zu 160 dB SPL gemessen worden. Das entspreche dem Pegel einer abgefeuerten Pistole. Professionelle Feuerwerke überträfen diese Werte, in der Literatur sind mehr als 190 dB SPL genannt, abhängig von der angenommenen Entfernung.
Zum Einordnen: Die Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung setzt für Beschäftigte den unteren Auslösewert bei einem Spitzenschalldruckpegel von 135 dB(C) und den oberen bei 137 dB(C) an. Im Betrieb wäre ab da Gehörschutz fällig. Smoorenburgs 160 dB aus zwei Metern liegen 25 dB darüber.
Und was tut so ein Pegel im Ohr? Die Autoren der HNO-Studie beschreiben zwei Mechanismen. Zwischen 90 und 130 dB SPL bilden sich in der Cochlea reaktive Sauerstoff- und Stickstoffverbindungen, die die Sinneszellen schädigen. Über 130 dB SPL kommt eine mechanische Schädigung des Innenohrs hinzu. Beides lässt sich nicht rückgängig machen: Die Haarzellen im Innenohr wachsen beim Menschen nicht nach. Mehr dazu steht in unserem Beitrag zu Tinnitus durch Lärm.
Was in den Kliniken ankommt
Silvester 2021/2022 war ein Sonderfall: Der Verkauf von Feuerwerk war wegen der Pandemie verboten, trotzdem knallte es. Eine Arbeitsgruppe um Veronika Flockerzi, Bernhard Schick und Alessandro Bozzato schickte in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für HNO-Heilkunde einen Fragebogen an die HNO-Abteilungen von 171 Krankenhäusern. Geantwortet haben 37, 16 davon meldeten keinen Fall. Die übrigen 21 Kliniken meldeten zwischen dem 28. Dezember 2021 und dem 3. Januar 2022 zusammen 50 Patienten (HNO 71, 2023, S. 1 bis 7).
Daran ist einiges auffällig:
- 41 der 50 Patienten waren männlich, das Durchschnittsalter lag bei 29 Jahren, der jüngste Patient war 7, der älteste 73.
- 20 hatten selbst gezündet, 30 waren Bystander, also bloß dabei.
- 32 klagten über Tinnitus, 28 hatten einen Hörverlust, 19 beides. Drei Patienten stuften die Ärzte in den höchsten WHO-Grad 4 ein, das ist eine hochgradige Schwerhörigkeit.
- 8 Patienten kamen stationär ins Krankenhaus, 11 hatten zusätzlich Verbrennungen.
Die Autoren halten fest, dass eine "deutlich höhere Dunkelziffer" zu vermuten sei, weil nur ein Fünftel der angeschriebenen Kliniken geantwortet hat. Dass die Mehrheit der Betroffenen nur zuschaute, ist der Satz, der sich merken lässt: Man muss keinen Böller anfassen, um ihn im Ohr zu haben.
Was ein geschlossenes Fenster schluckt
Wer drinnen bleibt, ist nicht automatisch sicher, aber deutlich besser dran. Die Schalldämmung eines Fensters wird als bewertetes Schalldämm-Maß Rw angegeben. Aus unserem Beitrag zum Schallschutz von Fenstern: Alte Einfachverglasung kommt auf 20 bis 24 dB, Standard-Isolierglas aus den 1990ern auf 28 bis 30 dB, moderne Schallschutzfenster auf 32 bis 42 dB. Undichte Dichtungen können davon noch 5 bis 10 dB wegnehmen.
Rechnerisch (eigene Überschlagsrechnung, ohne Raumeinfluss): Ein F2-Böller, der 20 Meter vor Ihrem geschlossenen Fenster mit dem Grenzwertpegel knallt, erzeugt dort draußen rund 112 dB. Hinter einem Isolierglasfenster mit Rw 30 blieben im Zimmer um die 80 dB, weit unter den 130 dB, ab denen die HNO-Autoren mechanische Schäden beschreiben. Steht das Fenster auf Kipp, gilt die Rechnung nicht mehr, denn ein Spalt dämmt kaum. Und es bleibt eine Näherung: Der Rw-Wert wird aus Messungen zwischen 100 und 3.150 Hz gebildet, ein Böllerknall hat aber auch viel Energie im Bereich darunter, wo Fenster schlechter dämmen. Als Schutz für das Wohnzimmer reicht das geschlossene Fenster in der Regel, für den Menschen, der zwei Meter vom Böller entfernt auf dem Balkon steht, nicht.
Abstand ist die billigste Maßnahme
Die Faustregel aus der Tabelle: Jede Verdopplung des Abstands bringt 6 dB. Wer von 2 auf 16 Meter weggeht, spart also 18 dB, bei F2-Ware wäre das der Weg von 132 auf 114. Nach Smoorenburgs 125 dB(A) für zehn Impulse läge die Grenze für einen F2-Böller an der Zulassungsgrenze bei etwa 4,5 Metern (eigene Rechnung, grob). Für F2-Ware nennt die Kategorie-Beschreibung im FEUERWERK Wiki einen Sicherheitsabstand von mindestens 8 Metern. Das passt zusammen.
Kinder sind in der HNO-Statistik keine Randgruppe: 12 der 50 Patienten waren minderjährig, 3 waren höchstens zehn Jahre alt, und von den Minderjährigen hatten sich 6 beim Zünden verletzt.
Gehörschutz: welcher SNR-Wert, und was bleibt davon übrig
Für Böller taugt ein normaler Ohrstöpsel besser als nichts, aber er ist keine Garantie. Die SNR-Angabe auf der Packung (Single Number Rating) gibt die Dämpfung im Labor an, bei richtigem Sitz. Im Alltag verlieren Schaumstoffstöpsel, die nicht tief genug im Gehörgang sitzen, nach unseren Angaben im Beitrag Gehörschutz bei dm, Rossmann und in der Apotheke leicht 10 bis 15 dB gegenüber dem Datenblatt. Ein korrekt sitzender Stöpsel mit SNR 27 schlägt einen falsch sitzenden mit SNR 37.
Rechnen wir das auf den Böller an: Ein F2-Böller aus 2 m Abstand liegt im Mittel bei 132 dB. Mit einem gut sitzenden Stöpsel mit SNR 27 und einem Praxisabzug von 10 dB kommen im Ohr etwa 115 dB an, ohne Stöpsel 132. Das ist keine Entwarnung, liegt aber unter den 125 dB(A), die Smoorenburg für zehn Impulse ansetzt, während 132 dB darüber liegen.
Praktisch heißt das:
- Wer selbst zündet, trägt Kapselgehörschutz oder gut sitzende Schaumstoffstöpsel mit hohem SNR, nicht die Musikfilter, die für Konzerte nur etwa 17 dB dämpfen sollen. Kapselgehörschutz hat bei kleinen Kindern den Vorteil, dass sich nichts im Gehörgang verklemmt, wie wir in unserem Beitrag zum Gehörschutz für Kinder erklärt haben.
- Wer Kinder mitnimmt, hält Abstand und setzt ihnen Kapseln auf, bevor der erste Knall fällt, nicht danach.
- Wer ein Knallgeräusch erlebt hat und danach Pfeifen im Ohr, Taubheitsgefühl oder Druck spürt, geht am gleichen Tag zum HNO-Arzt oder in die Notaufnahme. Beim akuten Knalltrauma zählen die ersten 48 Stunden, wie unser Beitrag zu Tinnitus durch Lärm beschreibt.
Haustiere, kurz
Hunde und Katzen hören besser als Menschen, und sie können weder wissen, was da knallt, noch sich die Ohren zuhalten. Für Tiere gilt dieselbe Tabelle, und das geschlossene Fenster hilft ihnen genauso wie Ihnen.
Was bleibt
Böller sind rechtlich nicht lauter als 120 dB, aber diese Zahl gilt je nach Kategorie in 1, 8 oder 15 Metern Entfernung. Wer näher dran ist, bekommt entsprechend mehr ab, nach der 6-dB-Regel am Zündort einen F2-Knall mit 138 dB und mehr. Die HNO-Studie zeigt, dass es nicht nur die Zünder trifft, sondern in 60 Prozent der gemeldeten Fälle Menschen, die danebenstanden. Die billigsten Gegenmittel sind Abstand von mindestens 8 Metern, ein geschlossenes Fenster und Gehörschutz, der richtig sitzt.
Quellen: Plontke SK, Dietz K, Pfeffer C, Zenner HP, "The incidence of acoustic trauma due to New Year's firecrackers", Eur Arch Otorhinolaryngol 259 (2002), 247 bis 252 (PubMed 12107527) · Flockerzi V, Schick B, Bozzato A u. a. (GAFATS-Gruppe), "Schlag auf Schlag – Bericht über feuerwerksbedingte Knalltraumata zum Jahreswechsel 2021/2022", HNO 71 (2023), 1 bis 7 (doi 10.1007/s00106-022-01259-6) · Smoorenburg GF, "Risk of noise-induced hearing loss following exposure to Chinese firecrackers", Audiology 32 (1993), 333 bis 343 (PubMed 8267524) · Bundesamt für Umwelt BAFU/Federas, Bericht zur Feuerwerksinitiative (Juli 2024), Tabelle 2 zu F1 bis F3 mit Grenzwerten nach CE-Konformitätsprüfung · Lärminfo.at, "Böller und Feuerwerke" (Stand 04.12.2025) · Richtlinie 2013/29/EU · Erste Verordnung zum Sprengstoffgesetz (1. SprengV), gesetze-im-internet.de · Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung § 6, gesetze-im-internet.de · FEUERWERK Wiki, "Kategorie" (feuerwerk.net)
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