Gehörschutz für Hunde an Silvester: Was wirklich hilft

Gehörschutz für Hunde an Silvester: Was wirklich hilft

In den Niederlanden haben Forschende 2024 gut 3.000 Hundehalter nach dem Feuerwerk gefragt. Das auffälligste Ergebnis steht nicht im Kapitel über Angst, sondern im Nebensatz: 64 Prozent der Befragten hörten Feuerwerkslärm schon ab September. Silvester ist für viele Hunde also keine Nacht, sondern ein Vierteljahr mit Ankündigung. Und 77,3 Prozent der Hunde zeigten laut ihren Besitzern Furchtreaktionen auf Feuerwerk (van Herwijnen und Kollegen, 2024, veröffentlicht in PMC).

Die Zahl stammt aus einer Umfrage unter Haltern und ist deshalb vermutlich höher als in der Gesamtpopulation, wer antwortet, hat meist ein Problem. Die norwegische Studie, die als Standardreferenz gilt, kommt auf niedrigere Werte. Storengen und Lingaas werteten 2015 im Fachblatt Applied Animal Behaviour Science Fragebögen zu 5.257 Hunden aus 17 Rassen aus: 21 Prozent zeigten starke oder sehr starke Angst vor Feuerwerk, 14 Prozent vor Schüssen. Zwischen den Rassen lag eine Spanne von 8 Prozent beim Chinese Crested und 32 Prozent beim Norwegischen Buhund.

Grob jeder fünfte Hund also. Trägt da der naheliegende Gedanke, dem Tier einfach Gehörschutz aufzusetzen?

Was Hunde hören, was wir nicht hören

Das Hörfeld eines Hundes reicht nach der Zusammenstellung der Veterinärmedizinischen Fakultät der LSU (Louisiana State University) ungefähr von 67 bis 45.000 Hz. Beim Menschen sind es 64 bis 23.000 Hz. Unten sind wir gleichauf, oben hört der Hund fast eine Oktave mehr. Die Daten gehen auf Verhaltenstests mit trainierten Hunden zurück, unter anderem von Henry Heffner (1983), der Hunde verschiedener Größe verglich.

Für Böller ist das Detail aber zweitrangig. Ob der Hund beim Knall Anteile hört, die uns entgehen, lässt sich aus der Frequenztabelle nicht ablesen. Sicher ist der Pegel. Wie laut ein Böller in welchem Abstand ist, steht in unserer Böller-Dezibel-Tabelle: bis zu 138 dB direkt am Zündort, 120 dB in acht Metern. Das gilt für Hundeohren genauso wie für unsere.

Hundeohrenschützer: Was sie versprechen, was belegt ist

Es gibt Kapselgehörschützer für Hunde. Bekannt sind Mutt Muffs aus den USA, dazu kommen Modelle von Rex Specs und günstige Varianten aus dem Online-Handel, meist als Stirnband mit zwei Kapseln, die über den Kopf gezogen werden. Auf den Verkaufsseiten stehen Dämmwerte, häufig als NRR (Noise Reduction Rating) nach US-Norm oder als SNR nach EU-Norm.

Diese Kennzahlen entstehen an menschlichen Köpfen mit menschlichen Ohren. Die Norm prüft, wie dicht eine Kapsel an einem standardisierten menschlichen Kopf abschließt. Ein Hund hat Hängeohren, Stehohren, Fell und eine ganz andere Kopfform. Wie viel Dämmung am Hundekopf tatsächlich ankommt, hängt vom Sitz ab, und der ist bei einem Tier, das den Kopf schüttelt, selten dicht. Meine Einschätzung: Die Herstellerzahl ist ein Laborwert für einen anderen Kopf und sollte als Obergrenze gelesen werden, nicht als Versprechen. Eine unabhängige Studie, die Dämmwerte solcher Hundeohrenschützer am Tier gemessen hätte, habe ich bei der Recherche nicht gefunden.

Ein zweites Problem liegt nicht an der Technik. Ein Hund, der zum ersten Mal in der Silvesternacht etwas über den Kopf gezogen bekommt, erlebt gleichzeitig das Geräusch und eine Einschränkung. Mit Angst im Gepäck ist das Anlegen selbst Stress. Wer Ohrenschützer nutzen will, sollte sie wochenlang vorher üben, wie unten im Plan beschrieben. Und sie nie unbeaufsichtigt lassen: Ein Hund, der die Kapseln abstreift, hat Bänder und Kapseln in Reichweite der Zähne.

Watte und Ohrstöpsel: Finger weg ohne Tierarzt

Naheliegend wirkt der Griff zur Watte. Ich rate davon ab, und zwar aus einem anatomischen Grund: Der Gehörgang des Hundes ist L-förmig, er knickt nach dem senkrechten Teil in die Waagerechte ab. Was dort hineingeschoben wird, lässt sich nicht einfach wieder herausziehen. Ein Wattebausch, der sich löst und nach innen rutscht, endet in der Tierarztpraxis. Dasselbe gilt für Schaumstoffstöpsel aus der Apotheke, die für den menschlichen Gehörgang gemacht sind.

Wer das trotzdem erwägt, sollte es mit der Tierarztpraxis klären, die den Gehörgang des eigenen Hundes kennt. Bei Hunden mit Ohrentzündung oder chronischen Problemen kommt ohnehin nichts ins Ohr.

Was die Studien zur Wirksamkeit sagen

Die wichtigste Quelle zum Vergleich liefert eine Online-Umfrage mit 1.225 Hundehaltern (Journal of Veterinary Behavior, 2020). Die Halter gaben an, welche Maßnahmen sie bei Feuerwerksangst genutzt hatten und wie gut sie funktionierten. Das Ergebnis, grob nach Erfolgsquote sortiert:

MaßnahmeAnteil, bei dem Halter Besserung sahen
Alprazolam (Medikament, verschreibungspflichtig)91 Prozent
Sileo (Dexmedetomidin-Gel, verschreibungspflichtig)74 Prozent
Gegenkonditionierung (Belohnung nach dem Knall)über 70 Prozent
Entspannungstraining69 Prozent
Geräusch-CDs55 Prozent
Druckweste44 Prozent
Pheromone, Kräuter, Nahrungsergänzung, ätherische Öle, Homöopathie, Bachblüten27 bis 35 Prozent
Die Autoren halten die 27 bis 35 Prozent für den Bereich, der auch durch einen Placebo-Effekt zu erwarten wäre. Von den vier Management-Strategien (Rückzugsort, geschlossene Fenster und Rollläden sowie Musik; Futter und Spiel; Alternativprodukte; Körperkontakt und Zureden) war nur "Futter und Spiel" statistisch mit einer Besserung der Angst verbunden. Auffällig: Ohrenschützer kommen in dieser Aufstellung nicht vor. Die Umfrage ist subjektiv, sie misst die Einschätzung der Besitzer und nicht das Verhalten des Hundes. Die Rangfolge ist trotzdem aussagekräftig, weil sie in dieselbe Richtung zeigt wie andere Arbeiten.

Die niederländische Studie von 2024 bestätigt das von der Gegenseite: Bei den am häufigsten angewandten Maßnahmen berichteten weniger als 30 Prozent der Halter von einer dauerhaften Besserung. Die höchste Quote hatte das Ausweichen an einen ruhigeren Ort mit 29,4 Prozent. Und nur 19,7 Prozent der Welpen waren früh an Geräusche gewöhnt worden. Bei Hunden, bei denen das geschah, kam Feuerwerksangst seltener oder in milderer Form vor.

Gewöhnungstraining: langsam, leise, belohnt

Der Kern des Trainings heißt Desensibilisierung und Gegenkonditionierung. Man spielt Böllergeräusche so leise ab, dass der Hund sie bemerkt, aber nicht ängstlich reagiert, und verbindet sie mit etwas Gutem. Die Lautstärke wird über Wochen in kleinen Schritten gesteigert. Wichtig ist die Reihenfolge: Erst der Knall, dann die Belohnung, nicht umgekehrt als Beschwichtigung bei Panik.

Die Umfrage von 2020 empfiehlt, das klassische Training mit Aufnahmen durch Entspannungstraining und spontane Gegenkonditionierung im Alltag zu ergänzen. Wer nur auf die CD setzt, bleibt bei den 55 Prozent.

Die Umfrage nennt für Aufnahmen allein 55 Prozent, für Gegenkonditionierung im Alltag über 70. Der Unterschied dürfte daran liegen, dass der Hund bei der Gegenkonditionierung echte Knalle erlebt, die gleich darauf etwas Gutes ankündigen. Das ist meine Deutung, die Studie belegt nur die Zahlen.

Der Gewöhnungsplan ab Ende Oktober

Von heute bis Silvester sind es gut zehn Wochen. Das reicht, wenn jetzt angefangen wird. Ein Rahmen, der sich an der Logik des Trainings orientiert (er ist meine Zusammenstellung, kein Standardprotokoll):

  1. Ende Oktober: Rückzugsort festlegen und mit Futter positiv aufladen. Hund beobachten: Ab welcher Lautstärke reagiert er auf Aufnahmen?
  2. November, Woche 1 bis 3: Aufnahmen unterhalb der Reaktionsschwelle, dazu Leckerli oder Spiel. Kurze Einheiten, einige Minuten, ruhige Tageszeit.
  3. November, Woche 4 bis Dezember, Woche 2: Lautstärke nur steigern, wenn der Hund entspannt bleibt. Bei Anzeichen von Angst einen Schritt zurück. Ohrenschützer, falls gewünscht, ohne Geräusch aufsetzen, belohnen, wieder abnehmen. Erst nach Tagen auf wenige Minuten verlängern.
  4. Dezember ab Woche 3: Training mit Fenstern und Rollläden geschlossen, wie es an Silvester sein wird. Hat der Hund starke Reaktionen, die sich nicht bessern, ist jetzt der Zeitpunkt für die Tierarztpraxis, nicht der 30. Dezember.

Zittert Ihr Hund schon bei Gewitter, lohnt sich ein früher Anruf in der Tierarztpraxis, bevor der Plan startet.

Der Rückzugsort und was Fenster und Türen leisten können

Die Grundausstattung: ein Raum, den der Hund kennt, ohne Fenster zur Straße oder zumindest mit geschlossenem Rollladen, mit Decke und Wasser. Die Umfrage von 2020 findet für solche Maßnahmen keinen statistischen Effekt auf die Angstentwicklung, das spricht nicht gegen sie, sondern dafür, sie als Teil des Ganzen zu sehen und nicht als Lösung.

Akustisch ist ein geschlossenes Fenster der größte Hebel, den Sie im Haus haben. Alte Einfachverglasung dämmt 20 bis 24 dB, Standard-Isolierglas 28 bis 30 dB, moderne Schallschutzfenster 32 bis 42 dB, wie wir in unserem Beitrag zum Schallschutz von Fenstern zusammengetragen haben. Undichte Dichtungen nehmen davon 5 bis 10 dB weg. Ein Böller mit 112 dB vor dem Fenster kommt hinter einem Fenster mit Rw 30 mit grob 80 dB im Zimmer an, das ist laut, aber eine andere Welt.

Den Raum innen wählen, mit möglichst vielen Wänden zwischen Hund und Straße. Das Schlafzimmer oder ein Bad ohne Außenfenster sind oft besser als das Wohnzimmer. Wie ein Zimmer ruhiger wird, steht in unserem Ratgeber Schallschutz im Schlafzimmer, und wenn eine Tür das Nadelöhr ist, hilft der Beitrag Tür schalldicht machen. Hintergrundgeräusche von Radio oder Fernseher gehören ebenfalls dazu, allerdings als Begleitung, nicht als Ersatz.

Medikamente: eine Sache für die Tierarztpraxis

Wenn Training und Rückzugsort nicht reichen, gibt es zugelassene Tierarzneimittel. Sileo enthält Dexmedetomidin und wird als Gel auf die Maulschleimhaut gegeben. Es ist für Hunde mit Geräuschangst gedacht und unterliegt der Verschreibungspflicht, die Schweizer Arzneimitteldatenbank der Universität Zürich führt es als Tierarzneimittel mit Abgabe auf tierärztliche Verordnung. In einer Studie mit 22 Hunden (Gruen und Kollegen, 2020) sank bei wiederholten Geräuschereignissen die Wahrscheinlichkeit, dass das Gel erneut gebraucht wurde, mit jedem Ereignis (Odds Ratio 0,75). Die Autoren deuten das als Hinweis darauf, dass die wiederholte Anwendung die Hunde mit der Zeit weniger anfällig macht. Die Stichprobe ist klein.

Dosierung, Zeitpunkt und Gegenanzeigen, etwa bei Herz-Kreislauf-Problemen, gehören in die Hand der Tierärztin. Das gilt auch für Alprazolam. Rezeptfreie Produkte liegen in der Umfrage im Placebo-Bereich.

Was an Silvester selbst hilft

Spazieren Sie mit dem Hund am späten Nachmittag, bevor es losgeht. Schließen Sie Fenster, Rollläden und Vorhänge, bevor das Erste knallt. Bleiben Sie zu Hause. Füttern oder spielen Sie, wenn der Hund darauf einsteigt, denn "Futter und Spiel" ist die einzige Maßnahme in der Umfrage mit statistischem Zusammenhang zu weniger Angst. Zwingen Sie ihn zu nichts, aber lassen Sie ihm den Rückzug. Und lüften Sie rechtzeitig, nicht mitten im Feuerwerk.

Ein Hund, der in der Wohnung unter dem Sofa liegt und zittert, ist nicht "verwöhnt". Er reagiert auf einen Pegel, der in manchen Messungen mit Pistolenschüssen vergleichbar ist (mehr dazu in der Böller-Tabelle). Die Dämmung, die Sie ihm bieten können, besteht vor allem aus Wänden und Glas. Dazu kommt ein Training, das Wochen vorher beginnt. Ohrenschützer sind eine Ergänzung, wenn der Hund sie ruhig trägt. Am 31. Dezember zum ersten Mal aufgesetzt, machen sie die Nacht eher schlimmer.

Noch keine Kommentare

Sei der Erste, der einen Kommentar hinterlässt.

Kommentar schreiben