Im Januar 2019 schrieb ein Hausbesitzer ins Bauexpertenforum, sein 2014 gebautes Haus mache ihm den Schlaf schwer. Sobald etwas Wind wehe, höre er in allen Zimmern ein Rauschen und Pfeifen, so schlimm, dass er sich beim Einschlafen die Ohren zuhalte. Standard-Kunststofffenster mit Zweifachverglasung, Rollläden davor, in der Dichtung ausgeschnittene Stellen für Regel-air-Falzlüfter. Er vermutete, dass der Wind in genau diese Aussparungen drückt. Der Moderator riet, die Ausschnitte zum Test abzukleben, und merkte an, man baue in dichte Fenster besser keine Schlitze, die sie wieder undicht machen. Ein anderer Teilnehmer schlug vor, den Anpressdruck in einem Raum testweise fester zu stellen, und fragte, ob im Falzlüfter vielleicht das Innenleben fehle. Ob es geholfen hat, steht im Thread nicht.
Die drei Vorschläge sind trotzdem eine gute Checkliste. Pfeifende Fenster haben meist eine von wenigen Ursachen, und die lassen sich an einem Nachmittag auseinanderhalten.
Warum Luft überhaupt pfeift
Ein Pfeifen braucht keine Pfeife. In der Strömungsakustik gilt: Töne entstehen, wenn eine Strömung auf eine Struktur trifft. Das Akustik Journal der DEGA (3/2019) nennt als Standardbeispiele den Luftstrahl, der auf die Schneide einer Orgelpfeife trifft (Schneidenton), und die periodisch abreißenden Wirbel hinter einem angeströmten Zylinder, die Kármánsche Wirbelstraße.
Letzteres ist der Hiebton. Eine Diplomarbeit der Fachhochschule Düsseldorf (Kedziora, 2005) beschreibt ihn so: Die Wirbel lösen sich abwechselnd von beiden Seiten des Körpers, dadurch entsteht eine wechselnde Kraft quer zur Strömung, und deren Frequenz folgt der Strouhal-Beziehung f = St · c / D mit einer Strouhalzahl von etwa 0,2. Dabei sind c die Strömungsgeschwindigkeit und D der Durchmesser des Körpers. Die Arbeit weist auch darauf hin, dass der Hiebton "eigentlich kein Ton, sondern ein schmalbandiges Geräusch" ist.
Ein Fensterspalt ist weder Orgelpfeife noch Zylinder. Ich übertrage das Prinzip deshalb als Einschätzung: Eine scharfe Dichtungskante oder ein schmaler Spalt im Luftstrom kann Wirbel abwerfen, und je schneller die Luft strömt, desto höher und lauter wird der Ton. Ein Rechenbeispiel, nur zur Anschauung: Bei 10 Metern pro Sekunde Luftgeschwindigkeit und einer Kante von 2 Millimetern ergibt die Formel rund 1000 Hertz, also genau den Bereich, in dem das Ohr empfindlich ist. Das erklärt, warum das Pfeifen mit jeder Böe die Tonhöhe wechselt und bei Windstille verschwindet. Und es erklärt, warum zwei Millimeter Luft reichen.
Die häufigsten Ursachen
Zu wenig Anpressdruck. Der Klassiker. Der Flügel wird über die Schließzapfen am Umfang gegen die Dichtung gezogen. Sind sie zu locker eingestellt, sieht das Fenster zu aus und lässt trotzdem Luft durch. Fenster-quietscht.de beschreibt das Pfeifen bei Wind genau so: ungleichmäßiger Anpressdruck, ein leicht verschobener Flügel, verhärtete Dichtung. Typisch ist, dass es nur an einer Seite oder Ecke pfeift. Wer das Fenster beim Pfeifen vorsichtig andrückt und das Geräusch verschwindet, hat die Ursache gefunden. Eine verhärtete oder beschädigte Dichtung. Dichtungen altern durch UV-Licht, Kälte und Dauerdruck. Sie werden hart, platt und an den Ecken kürzer, und schon eine kleine Lücke reicht für ein hörbares Pfeifen, schreibt das Portal bautipps24. Wichtig: Eine kaputte Dichtung lässt sich nicht durch mehr Anpressdruck retten. Das sagt auch die Anleitung von Heimszene ausdrücklich. Falzlüfter und Aussparungen in der Dichtung. Der Fall aus dem Forum. Fensterfalzlüfter sind Absicht, nicht Defekt, sie sollen für Grundlüftung sorgen. Das Portal Hausjournal weist aber darauf hin, dass sie bei starkem Wind nicht verhindern können, dass Luft hineindrückt, weil der Winddruck auf der Luvseite deutlich höher ist als auf der abgewandten Seite. Es gibt Modelle mit druckregulierender Klappe. Wer vermutet, dass der Lüfter pfeift, klebt ihn testweise ab und hört nach, so wie es im Forum vorgeschlagen wurde. Dauerhaft zukleben sollte man ihn nicht: Ohne Lüftungskonzept steigt das Schimmelrisiko. Bei einer Gastherme, die ihre Verbrennungsluft aus der Wohnung zieht, sollte vorher der Schornsteinfeger draufschauen (Wohntrick). Der Rollladenkasten. In vielen Wohnungen kommt die Zugluft laut Wohntrick gar nicht durch das Fenster, sondern durch den Kasten darüber. Ein Hinweis: Es zieht oberhalb des Fensters, und die Laibung ist deutlich kälter. Wenn der Rollladen selbst klappert, ist das ein anderes Problem, das wir im Beitrag zum klappernden Rollladen behandeln. Die Bauanschlussfuge. Die Fuge zwischen Rahmen und Mauerwerk wird gern vergessen. Bröseliger Dichtstoff, feine Risse oder ein Luftzug zwischen Rahmen und Putz deuten darauf hin (bautipps24). Dann pfeift es an einer Stelle, die gar nicht nach Fenster aussieht. Hier ist ein Fachbetrieb gefragt. Ein verzogener Flügel. Wenn das Fenster schwer schließt oder sichtbar nicht überall gleich anliegt, hilft Nachstellen allein nicht mehr, schreibt der Fensterbetrieb Lokale Profis. Das ist ein Fall für den Fensterbauer.Die Fünf-Minuten-Diagnose
Zuerst die Gegenprobe: Pfeift es auch bei Windstille? Dann ist es nicht das Fenster, sondern vermutlich Heizung oder Lüftung. Zum Heizungspfeifen siehe den Beitrag zum pfeifenden Heizkörper.
Dann an einem windigen Tag langsam mit dem Handrücken den Rahmen abfahren, die Kaltluft spürt er besser als die Handfläche (Wohntrick). Besonders an Ecken, auf Griffhöhe und an der Fuge zur Wand. Wer die Stelle gefunden hat, markiert sie mit Malerkrepp.
Dann der Papiertest: Ein Blatt Papier an mehreren Stellen zwischen Flügel und Rahmen klemmen, Fenster schließen, am Blatt ziehen. Es soll überall leicht klemmen, aber mit etwas Widerstand herausgehen. Lässt es sich irgendwo mühelos herausziehen, fehlt dort Anpressdruck oder Dichtung (Werkzeugwiese, Wohntrick).
Was man selbst tun kann
Anpressdruck erhöhen. An den Schließzapfen, den kleinen Bolzen im Flügelfalz. Sie sitzen exzentrisch, und ihre Drehstellung ändert, wie fest der Flügel an die Dichtung gezogen wird. Gebraucht wird meist ein 4-mm-Innensechskant, bei Roto und neueren Siegenia-Beschlägen ein Torx T15 oder T20 (Werkzeugwiese). Vorher ein Foto der Stellung machen. In kleinen Schritten drehen, jeweils schließen und den Papiertest wiederholen, und alle Zapfen eines Flügels gleichmäßig einstellen, sonst verzieht sich der Flügel (Werkzeugwiese). Was Sommer- und Winterstellung wirklich sind. Nach Werkzeugwiese bedeutet die Markierung zum Raum mehr Druck ("Winter"), nach außen weniger ("Sommer"). Heimszene stellt klar, dass das keine genormten Betriebsarten sind, sondern umgangssprachliche Namen für mehr oder weniger Druck, und ein richtig eingestelltes Fenster sollte zu jeder Jahreszeit dicht schließen. Mein Eindruck: Die Markierungen sind je nach Hersteller unterschiedlich gedeutet, deshalb zählt am Ende nicht der Punkt, sondern der Papiertest. Und zu viel Druck rächt sich: Der Griff wird schwergängig, Dichtung und Beschlag ermüden früher. Dichtung reinigen oder tauschen. Erst Schmutz in Falz und Dichtung mit einem weichen Tuch entfernen, weil schon ein Krümel den Sitz verändert (Heimszene). Ist die Dichtung hart, platt oder rissig, hilft nur Tauschen. Die Profilnummer steht laut Werkzeugwiese meist im Dichtungsfuß. Wohntrick nennt für Dichtungsband als Nachrüstung etwa 8 bis 25 Euro pro Fenster, was ich als grobe Größenordnung nehme. Bei Aufklebebändern gilt: die Fuge vorher entfetten, das Band nicht dehnen, und der Flügel muss sich danach noch ohne Kraft schließen lassen. Rollladenkasten dämmen. Wohntrick hält es in Mietwohnungen für unproblematisch, die Revisionsklappe zu öffnen und innen Dämmmatten einzulegen, solange man die Bausubstanz nicht verändert. Nicht ratsam: Bauschaum in den Hohlraum sprühen oder die Anschlussfuge selbst neu verfugen. Das ist nur sinnvoll, wenn man es fachlich sauber kann.Wann ist Selbermachen sinnlos? Bei einem verzogenen Flügel, einer defekten Anschlussfuge oder wenn die Dichtung nach dem Tausch immer noch undicht ist. Dann ist der Fensterbauer dran, und bei Mietern der Vermieter.
Mieter: Was darf ich, was muss der Vermieter?
Rechtlich ist das Pfeifen eine Grauzone. Undichte Fenster können ein Mietmangel nach § 536 Abs. 1 BGB sein, aber nur, wenn der vertragsgemäße Gebrauch der Wohnung spürbar beeinträchtigt ist. JuraForum nennt als Beispiele dauerhafte Zugluft, Kälteeintritt, eindringendes Regenwasser und Schimmelgefahr. Leichte Zugluft nur bei Sturm gilt dort als oft geringfügig.
Das Amtsgericht Berlin-Neukölln entschied am 22.07.2021 (Az. 14 C 75/20), dass undichte und klirrende Holz-Kastendoppelfenster in einer Altbauwohnung grundsätzlich keine Mietminderung begründen. Eine komplett luftdichte Verschließung sei nicht geschuldet. Ein Mangel liege aber vor, wenn Feuchtigkeit bei Starkregen eindringt oder die Zugluft die Nutzbarkeit nicht unerheblich beeinträchtigt (zitiert nach ra-online).
Ob ein reines Pfeifgeräusch bei Wind für eine Minderung reicht, habe ich nicht belegt gefunden, und ich halte es für unwahrscheinlich, solange keine spürbare Zugluft dazukommt. Praktisch heißt das, meine Einschätzung und keine Rechtsauskunft:
- Anpressdruck nachstellen, Falz reinigen: Wartung ohne Substanzeingriff, kann man selbst tun.
- Dichtung tauschen, Rollladenkasten öffnen: vorher beim Vermieter anfragen, am besten schriftlich.
- Pfeift es trotzdem oder zieht es spürbar: Mangel unverzüglich anzeigen. Das verlangt § 536c Abs. 1 BGB, und wer ohne Anzeige die Miete kürzt, macht laut JuraForum den häufigsten Fehler. Mit Datum, Stelle, Foto und Handyaufnahme vom Geräusch. Wie man so etwas sauber festhält, steht in der Vorlage für ein Lärmprotokoll, die grundsätzlichen Rechte im Beitrag zum Schallschutz in der Mietwohnung.
Wenn es gar nicht das Pfeifen ist
Manchmal stört nicht das Pfeifen, sondern der Lärm, der durch ein dichtes Fenster dringt. Dafür sind Dichtung, Folie und Vorsatzscheibe im Beitrag zum Schallschutz am Fenster nachrüsten besser aufgehoben. Und wenn das Geräusch vor allem nachts im Schlafzimmer stört, hilft ein Blick auf den Schallschutz im Schlafzimmer.
Der Hausbesitzer aus dem Forum hat eine Sache richtig gesehen: Wer in einem Haus mit Falzlüftern wohnt, hat ein Fenster, das absichtlich nicht ganz dicht ist. Pfeifen muss es trotzdem nicht. Zwei Millimeter Luft reichen für einen Ton. Meist reicht auch ein Innensechskant, um sie wieder zu schließen.
Quellen: Bauexpertenforum, "Starke Windgeräusche in Neubau: Ursache? Was tun?", bauexpertenforum.de/threads/starke-windgeraeusche-in-neubau-ursache-was-tun.107511/ (Beiträge vom 01.01.2019; abgerufen 15.10.2026), Forumsbeiträge ohne Prüfung · DEGA, Akustik Journal 03/2019, "Wann ist ein Ton ein Ton?", dega-akustik.de (abgerufen 15.10.2026) · Kedziora, J., Diplomarbeit "Aerodynamische und aeroakustische Untersuchung eines Fahrzeugaußenspiegels", Fachhochschule Düsseldorf, Betreuer Prof. Dr.-Ing. F. Kameier, 2005, Kapitel 2.3.1 (abgerufen 15.10.2026) · bautipps24, "Fenster pfeifen bei Wind: Undichtigkeiten gezielt finden", bautipps24.de (Stand 4.6.2026; abgerufen 15.10.2026), Ratgeberportal · Fenster-quietscht.de, "Wind pfeift durch Fenster trotz geschlossenem Flügel", fenster-quietscht.de (abgerufen 15.10.2026) · Lokale Profis, "Fenster pfeift bei Wind? Ursachen & Lösungen", lokaleprofis.de (abgerufen 15.10.2026), Dienstleisterseite · Werkzeugwiese, "Fenster einstellen: Dreh-Kipp-Beschlag, Anpressdruck", werkzeugwiese.de (abgerufen 15.10.2026) · Heimszene, "Fenster Anpressdruck einstellen: Anleitung & Papiertest", heimszene.de (abgerufen 15.10.2026) · Wohntrick, "Zugluft an Fenstern stoppen", wohntrick.de, 18.12.2025 (abgerufen 15.10.2026) · Hausjournal, "Fensterfalzlüfter und Zugluft?", hausjournal.net (abgerufen 15.10.2026) · JuraForum, "Fenster undicht: Mietminderung richtig prüfen", juraforum.de (Stand 27.08.2026; abgerufen 15.10.2026) · AG Berlin-Neukölln, Urteil vom 22.07.2021, Az. 14 C 75/20, zitiert nach ra-online / Stolpe Rechtsanwälte (06.10.2021; abgerufen 15.10.2026).
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