In der Nacht vom 22. auf den 23. Juni 2018 wacht ein Mann in Hamburg gegen halb vier auf. Nebenan feiert der Altherrenverein einer Burschenschaft sein Sommerfest, und das nicht zum ersten Mal. Er greift zum Smartphone, startet eine Messapp und notiert hinterher: mittlere Lärmbelastung 53 dB(A), Spitzen bis 84 dB(A). Um fünf Uhr muss er zu einer Dienstreise aufbrechen, ohne nennenswert geschlafen zu haben.
So steht es im Beschluss des Landgerichts Hamburg vom 21. September 2020 (Az. 330 O 478/15), mit dem das Gericht gegen den Verein insgesamt 12.000 Euro Ordnungsgeld verhängte. Für diese eine Nacht waren es 2.500 Euro. Der Verein hatte bestritten, dass die Messung am behaupteten Tag und Ort stattfand, und dazu, dass die verwendete App "belastbare Ergebnisse liefert".
Das Gericht ist auf diesen Streit gar nicht erst eingestiegen. Warum, dazu weiter unten, denn es sagt mehr über Handymessungen als jeder Labortest. Vorher die Frage, die sich jeder stellt, der mit dem Telefon in der Hand im dunklen Schlafzimmer steht: Stimmt die Zahl überhaupt?
Was die Labortests zeigen
Die gründlichste Antwort stammt vom US-Arbeitsschutzinstitut NIOSH. Chucri Kardous und Peter Shaw sahen sich 2013 mehr als 130 iOS-Apps und 62 Android-Apps an. Nur zehn iOS-Apps erfüllten überhaupt die Mindestanforderungen (A-Bewertung, Mittelungspegel, einstellbare Zeitbewertung), bei Android waren es vier, und die auch nur teilweise. Die Kandidaten kamen in eine Hallkammer und wurden mit rosa Rauschen von 65 bis 95 dB beschallt, gegen ein Referenzmikrofon der Klasse 1. Das Ergebnis erschien 2014 im Journal of the Acoustical Society of America.
Die Spreizung ist das Bemerkenswerte. Die beste App lag im Mittel 0,5 dB(A) neben dem Referenzwert. Die Norm, auf die sich die Forscher beziehen, erlaubt einem Klasse-2-Messgerät rund 2,3 dB Gesamtfehler. Zwei andere lagen im Bereich von plus minus 2 dB. Am anderen Ende standen zwei Apps, die im Schnitt rund 13 dB(A) zu wenig anzeigten. 13 dB sind kein Messfehler mehr, das ist der Unterschied zwischen einem Gespräch im Nebenraum und einem Staubsauger.
Bei Android haben die Forscher gar nicht erst systematisch getestet. Dieselbe App lieferte auf verschiedenen Geräten so unterschiedliche Werte, dass sich nichts Allgemeines sagen ließ. Der Grund liegt im Gehäuse: Apple verbaut wenige, einheitliche Mikrofone, im Android-Lager kocht jeder Hersteller sein eigenes Süppchen.
Aus dieser Arbeit ging die kostenlose NIOSH Sound Level Meter App hervor. NIOSH gibt für sie eine Genauigkeit von plus minus 2 dB(A) an und bietet sie bis heute nur für iOS an, mit der ausdrücklichen Begründung, dass sich die Genauigkeit auf Android-Geräten wegen der zersplitterten Hardware nicht verifizieren lasse.
Spätere Studien haben das Bild bestätigt und ergänzt:
| Studie | Was getestet wurde | Ergebnis |
|---|---|---|
| Kardous & Shaw 2014, JASA | 10 iOS-Apps, 65 bis 95 dB | beste App −0,5 dB(A), schlechteste rund −13 dB(A) |
| Kardous & Shaw 2016, JASA | dieselben 4 besten Apps mit externem, kalibriertem Mikrofon | alle innerhalb von ±1 dB |
| McLennon et al. 2019, J Occup Environ Hyg | 10 Handys, je 5 Apps, 1.000 Messungen, 60 bis 90 dB(A) | Android-Apps zeigten bei 90 dB(A) durchweg zu wenig an, nur als Screening geeignet |
| Crossley et al. 2021, Laryngoscope | 9 kostenlose iPhone-Apps, 25 bis 85 dB | NIOSH-App am besten (R² 0,97), schlechteste R² 0,62 |
| Serpanos et al. 2021, J Am Acad Audiol | NIOSH-App und SPL Meter auf iPhone 6S | ab 40 dB(A) genau, darunter überschätzt, auch nach Kalibrierung |
| Khan et al. 2025, Cureus | 10 Android-Apps auf Galaxy A54 | beste App R² 0,98, Nutzerbewertungen sagten nichts über die Genauigkeit |
Das Problem mit der Nacht
Jetzt der Haken, der in den meisten App-Empfehlungen fehlt. Die NIOSH-Tests begannen bei 65 dB, weil es um Lärm am Arbeitsplatz ging, um Werkhallen und Maschinen. Für Nachbarschaftsstreit interessiert ein ganz anderer Bereich.
Die TA Lärm, an der sich Behörden und oft auch Gerichte orientieren, setzt nachts für ein reines Wohngebiet 35 dB(A) an, für ein allgemeines 40 dB(A), gemessen draußen vor dem Fenster. Für Geräusche, die durch das Gebäude in die Wohnung übertragen werden, gelten innen nachts 25 dB(A). Wer sich über eine brummende Wärmepumpe oder eine Klimaanlage nebenan beschwert, bewegt sich genau in diesem Bereich. Die Grenzwerte im Detail stehen im Artikel zur TA Lärm für Klimaanlagen im Wohngebiet.
Serpanos und Kollegen haben gezeigt, was dort passiert: Unter 40 dB(A) überschätzten beide getesteten iPhone-Apps den Pegel, und zwar auch dann, wenn die Mikrofone vorher kalibriert worden waren. Das hat einen physikalischen Grund. Die MEMS-Mikrofone in Smartphones erfassen nach Angaben von Kardous und Shaw Signale ab etwa 30 dB Schalldruckpegel. Nähert sich das Geräusch dieser Schwelle, misst das Telefon zunehmend sein eigenes Rauschen mit.
Dazu kommt das tiefe Ende, denn ein Brummen ist nun einmal ein tiefer Ton. Eine Feldstudie der University of Colorado (Blair et al. 2018) fand selbst mit externen Mikrofonen bei der A-Bewertung an mehreren Messorten eine starke Übereinstimmung mit dem Referenzgerät, bei der C-Bewertung, die tiefe Töne stärker gewichtet, nur eine mäßige bis deutliche. Wer also nachts ein tiefes Brummen jagt, misst mit dem Handy ausgerechnet die Art Geräusch, die es am schlechtesten erfasst. Mehr zu diesem Sonderfall steht im Artikel zur Klimaanlage, die beim Nachbarn brummt.
Meine Einschätzung daraus: Eine App, die nachts 38 dB(A) anzeigt, beweist nicht, dass der Richtwert von 35 überschritten ist. Sie kann genauso gut drei Dezibel Eigenrauschen mitgezählt haben. Eine App, die 53 dB(A) anzeigt wie in Hamburg, liegt dagegen in einem Bereich, in dem die guten Apps zuverlässig arbeiten. Dort ist die Aussage "deutlich zu laut" belastbar, auch wenn die Nachkommastelle es nicht ist.
Was vor Gericht zählt
Für eine amtliche Messung nach TA Lärm schreibt deren Anhang geeichte Schallpegelmesser der Klasse 1 vor. Gemessen wird bei bebauten Flächen 0,5 Meter vor der Mitte des geöffneten Fensters des am stärksten betroffenen Raums. Und selbst wenn die Behörde so misst, zieht sie bei Überwachungsmessungen 3 dB(A) vom Ergebnis ab, bevor sie es mit dem Richtwert vergleicht. Ein Smartphone erfüllt keine dieser Anforderungen. Es ist nicht geeicht, und keine App macht es dazu.
Daraus folgt aber nicht, dass Handymessungen wertlos sind. Das Hamburger Verfahren zeigt, warum. Das Landgericht hielt ausdrücklich fest, dass bei Geräuschen der Schallpegel "nur eine Komponente" der Lästigkeit sei und Normen wie die TA Lärm "allenfalls Entscheidungshilfen und Anhaltspunkte" gäben. Die Überschreitung bestimmter Grenzwerte sei für die Annahme von wesentlichem Lärm "ebenso wenig erforderlich, wie deren Nachweis". Untersagt sei eine Geräuschbelästigung grundsätzlich dann, wenn sie in der Nachbarwohnung "deutlich hörbar" ist. Entschieden hat das Gericht anhand von acht Zeugen, deren Aussagen es einzeln auf Glaubhaftigkeit prüfte.
Im Mietrecht hat der Bundesgerichtshof die Messlatte schon 2012 niedrig gelegt. Wer wegen wiederkehrenden Lärms die Miete mindert, muss kein Protokoll vorlegen. Es genüge "eine Beschreibung, aus der sich ergibt, um welche Art von Beeinträchtigungen (Partygeräusche, Musik, Lärm durch Putzkolonnen auf dem Flur o.ä.) es geht, zu welchen Tageszeiten, über welche Zeitdauer und in welcher Frequenz diese ungefähr auftreten" (BGH, Urteil vom 29. Februar 2012, VIII ZR 155/11).
Die Messung ist also selten das Beweismittel, sie ist das Beiwerk, das eine Schilderung glaubwürdiger macht. Eine Zahl wie 53 dB(A) um 3:30 Uhr übersetzt ein vages "es war laut" in etwas, das ein Richter einordnen kann. Wo es dagegen wirklich um einen Grenzwert geht, etwa bei einer Wärmepumpe, die ihren Richtwert einhält oder eben nicht, entscheidet am Ende ein Gutachter mit geeichtem Gerät oder die Immissionsschutzbehörde. Wie solche Streitfälle laufen, zeigen die Urteile im Artikel zu Gerichtsurteilen über Klimaanlagen beim Nachbarn.
So misst man richtig
Wer trotzdem messen will, und das lohnt sich, sollte es so machen, dass die Zahl einem kritischen Blick standhält:
- App mit Mittelungspegel wählen. Gebraucht werden die A-Bewertung, der Mittelungspegel LAeq und der Maximalpegel. Eine App, die nur eine zappelnde Nadel zeigt, ist ein Spielzeug. Auf dem iPhone ist die NIOSH-App die am besten untersuchte Wahl, kostenlos und werbefrei. Für Android gibt es keine vergleichbar geprüfte App, hier ist jede Zahl mit mehr Vorsicht zu lesen.
- Handy ablegen, nicht in der Hand halten. Hand und Körper schirmen ab und reflektieren. Das Telefon gehört auf eine weiche Unterlage oder ein Stativ, Mikrofon frei, mit Abstand zu Wänden.
- Lange genug messen. Ein Mittelungspegel über eine Minute sagt mehr als jeder Momentwert. Bei schwankendem Lärm lieber fünf bis zehn Minuten.
- Den Gegenwert messen. Wenn das Geräusch aufhört, sofort noch einmal messen. Der Abstand zwischen beiden Werten zeigt, wie viel tatsächlich vom Nachbarn kommt und wie viel Kühlschrank, Straße und Eigenrauschen sind. Die TA Lärm nennt das Fremdgeräusch, und jeder Gutachter wird genau danach fragen.
- Ort und Situation festhalten. Fenster offen oder zu, welcher Raum, welche Stelle. Ein Wert am gekippten Schlafzimmerfenster ist etwas anderes als einer mitten im Wohnzimmer.
- Ton aufnehmen. Eine kurze Videoaufnahme mit sichtbarer Uhrzeit zeigt, was eine Zahl nicht kann: ob es Musik war, Gebrüll oder ein Kompressor.
- Der Nachkommastelle nicht trauen. Wer zwei Geräte vergleichen will, misst dieselbe Quelle mit beiden. Wer ein Klasse-2-Messgerät leihen kann, gleicht die App damit einmal ab. Die NIOSH-App erlaubt eine solche Kalibrierung.
Die Messwerte gehören dann ins Lärmprotokoll, neben Datum, Uhrzeit, Dauer, Art des Geräuschs und gegebenenfalls Zeugen. Ein Beispiel für so ein Protokoll mit Zeitmaßstäben steht im Artikel zu Hundegebell beim Nachbarn, ein weiteres für nächtliche Geräte im Ratgeber zur nächtlichen Ruhestörung durch Klimaanlagen.
Und wenn man es genau wissen will?
Ein externes Messmikrofon, das sich an Telefon oder Laptop anschließen lässt, hebt die Genauigkeit spürbar. In der Folgestudie von Kardous und Shaw lagen alle vier geprüften Apps damit innerhalb von einem Dezibel zum Referenzsystem. Laut NIOSH erfüllt die App mit einem kalibrierten externen Mikrofon die Anforderungen der Klasse 2 nach IEC 61672-3. Geeicht ist sie damit trotzdem nicht. Wer mit so einem Mikrofon ohnehin schon die Raumakustik vermisst, findet die Grundlagen im Artikel zur Raumakustik-Messung mit REW.
Wer die Zahlen deuten will, sollte außerdem wissen, dass Herstellerangaben oft als Schallleistungspegel angegeben werden, der mit dem gemessenen Schalldruckpegel nicht direkt vergleichbar ist. Der Unterschied ist im Artikel zu Schalldruckpegel und Schallleistungspegel erklärt.
Mein Fazit
Das Smartphone ist ein ordentliches Messgerät für laute Situationen und ein schlechtes für leise. Das ist unbequem, weil die meisten Nachbarschaftsstreitigkeiten nachts stattfinden, wenn die Grenzwerte niedrig sind und das Handy an seine Grenzen kommt.
Ich würde die App trotzdem nicht weglassen. Beweisen kann sie wenig, aber sie macht aus Erinnerung Daten. Die Hamburger Eigentümergemeinschaft hat ihr Verfahren mit glaubhaften Zeugen gewonnen, vor einem Gericht, dem "deutlich hörbar" genügte. Die 53 dB(A) um halb vier tauchen trotzdem im Beschluss auf, als Teil einer Schilderung, die man sich vorstellen kann. Ein Satz wie "es war unerträglich" leistet das nicht. Wer bei 36 dB(A) über einen Richtwert von 35 streiten will, braucht dagegen kein besseres Handy, sondern einen Gutachter.
Und wer mit der Wohnung insgesamt hadert, findet erste Schritte im Ratgeber zur hellhörigen Wohnung.
Quellen: LG Hamburg, Beschluss vom 21.09.2020, 330 O 478/15, Volltext auf openJur · BGH, Urteil vom 29.02.2012, VIII ZR 155/11 · TA Lärm vom 26.08.1998, Nr. 6.1, 6.2, 6.9 sowie Anhang A.1.3 und A.3.2, verwaltungsvorschriften-im-internet.de · Kardous CA, Shaw PB: Evaluation of smartphone sound measurement applications. J Acoust Soc Am 135(4), 2014, EL186 bis EL192 · Kardous CA, Shaw PB: Evaluation of smartphone sound measurement applications (apps) using external microphones, a follow-up study. J Acoust Soc Am 140(4), 2016, EL327 · NIOSH, Sound Level Meter App, cdc.gov, abgerufen am 3. Oktober 2026 · McLennon T et al.: Evaluation of smartphone sound level meter applications as a reliable tool for noise monitoring. J Occup Environ Hyg 16(9), 2019, S. 620 bis 627 · Crossley E et al.: The accuracy of iPhone applications to monitor environmental noise levels. Laryngoscope 131(1), 2021, E59 bis E62 · Serpanos YC et al.: The accuracy of smartphone sound level meter applications (SLMAs) in measuring sound levels in clinical rooms. J Am Acad Audiol 32(1), 2021, S. 27 bis 34 · Khan H et al.: Evaluating the accuracy of Android applications in monitoring environmental noise levels. Cureus 17(3), 2025, e81471 · Blair BD et al.: Measuring environmental noise from airports, oil and gas operations, and traffic with smartphone applications. J Expo Sci Environ Epidemiol 28(6), 2018, S. 548 bis 558
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