Akustikpaneele Holz: Echtholz vs. MDF vs. Filz im Vergleich

Akustikpaneele Holz: Echtholz vs. MDF vs. Filz im Vergleich

Mein Schwager hat letzten Herbst sein Arbeitszimmer renoviert. Er zeigte mir stolz die Fotos: schmale Eichenlatten auf dunkelgrauem Grund, indirekte LED-Beleuchtung von unten, dazu eine Monstera im Topf. Sah aus wie die Lobby eines Boutique-Hotels in Kopenhagen. "Akustikpaneele", sagte er. "Für den Sound." Ich fragte, ob er einen Unterschied höre. Er überlegte. Dann sagte er: "Es sieht halt professionell aus."

Damit hat er, ohne es zu wollen, das Problem perfekt zusammengefasst.

Holzpaneele an der Wand sehen fantastisch aus. Warm, strukturiert, zeitgemäß, genau das Richtige für Instagram zwischen Leinenkissen und Keramikvasen. Dagegen habe ich nichts. Schöne Dinge machen das Leben besser. Aber wenn jemand 800 Euro für eine Wand aus Holzlatten ausgibt und glaubt, er kauft Schallschutz — während er in Wahrheit Wanddekoration bekommt — dann sollte das vorher klar sein. Nicht hinterher, wenn der Raum immer noch hallt und das Geld weg ist.

Die Venezianer wussten das 1637 übrigens auch nicht. Als sie das Teatro San Cassiano eröffneten, das erste öffentliche Opernhaus der Welt, bauten sie es fast komplett aus Holz. Nicht wegen der Akustik. Weil Holz billig war. Dass es trotzdem gut klang, lag an einem Zufall: Die hufeisenförmigen Logen, die Hohlräume hinter den Verkleidungen, die unregelmäßigen Oberflächen erzeugten eine Mischung aus Reflexion, Diffusion und Absorption, die Akustiker Jahrhunderte später mit Computern nachzurechnen versuchten. Glück gehabt. Wer heute Holzpaneele an die Wand hängt und auf denselben Zufall hofft, hat meistens weniger davon.

Warum der Trend gerade so stark ist

Seit etwa 2019 haben Holzlatten-Paneele eine merkwürdige Karriere gemacht. Vom Konferenzraum-Accessoire zum Interior-Trend. Ein paar parallele Leisten auf dunkler Wand, vielleicht indirekt beleuchtet — sieht auf Fotos gut aus und kostet verglichen mit einer Vollrenovierung wenig. Es ist das Akustik-Äquivalent eines Fitness-Armbands: Es sieht nach Engagement aus, ohne dass sich an der Substanz viel ändert.

Der Begriff "Akustikpaneel" kam irgendwann mit ins Paket. Vermutlich weil "Holzlatten-Deko" schwerer zu verkaufen ist. Seitdem findet man auf Amazon, im Baumarkt und in jedem zweiten Einrichtungsshop Produkte, die als "Akustikpaneele" gelistet sind, aber akustisch kaum mehr bewirken als eine hübsche Tapete.

Das ist nicht zwingend Betrug. Es ist ein Marktproblem. Käufer wollen etwas, das gut aussieht und irgendwie auch "für die Akustik" ist. Anbieter liefern das Aussehen und nennen es Akustikpaneel. Die Lücke zwischen Wort und Realität liegt im NRC-Wert. Und der steht nirgendwo gut sichtbar im Produktlisting.

Die unbequeme Grundwahrheit

Holz absorbiert keinen Schall. Es reflektiert ihn.

Klingt hart. Ist aber Physik, und Physik ist nicht verhandelbar. Massives Holz, MDF, Sperrholz, Furnier: Absorptionskoeffizienten unter 0,10 über den gesamten Frequenzbereich. Eine glatte Holzwand verhält sich akustisch fast wie Beton. Der Schall prallt ab. Holz klingt dabei angenehmer als Beton, das stimmt — aber "angenehmer reflektieren" ist nicht "absorbieren". Es ist wie der Unterschied zwischen einem freundlichen Türsteher und einem grimmigen: Beide lassen dich nicht rein.

Ein Raum, der mit massiven Holzlatten verkleidet wird, hat danach keine bessere Akustik. Er hat möglicherweise eine andere, weil sich die Reflexionseigenschaften verändert haben. Aber schlechter kann er auch werden, wenn glatte Holzflächen eine zuvor texturierte Wand ersetzen.

Die Absorption kommt ausschließlich vom Kern oder der Konstruktion hinter den Holzelementen. Ohne absorptives Material dahinter: minimaler Effekt. Die Latten sind die Verpackung, nicht das Produkt.

Bauweise 1: Geschlitzte oder gelochte Holzplatten mit Akustikvlies

Die akustisch sinnvollste Konstruktion in dieser Kategorie. Und sie hat Geschichte. Schon die Griechen experimentierten mit Resonanzgefäßen in ihren Theatern — sogenannte Echeia, die Vitruv im ersten Jahrhundert vor Christus beschrieb. Bronzegefäße in Nischen, die bestimmte Frequenzen absorbieren sollten. Ob das funktioniert hat, ist unter Akustikern bis heute umstritten. Die Idee aber, Hohlräume hinter Oberflächen gezielt zur Schallbehandlung einzusetzen, ist zweitausend Jahre alt.

Moderne Schlitzpaneele machen im Prinzip dasselbe, nur mit besserem Material und weniger Bronze. Holzplatte (MDF oder Sperrholz) mit regelmäßigen Löchern oder Schlitzen, dahinter Mineralwolle oder Akustikvlies.

Wie es funktioniert

Schall dringt durch die Öffnungen und trifft auf das absorptive Material dahinter. Zusätzlich wirken die Hohlräume zwischen Platte und Wand als Helmholtz-Resonatoren. Hermann von Helmholtz, deutscher Universalgelehrter des 19. Jahrhunderts, beschrieb das Prinzip 1863 in seiner "Lehre von den Tonempfindungen". Der Mann war Physiker, Arzt, Mathematiker und Philosoph gleichzeitig — zu einer Zeit, als man für diese Kombination noch keinen LinkedIn-Account brauchte.

Die Resonanzfrequenz hängt von der Lochgeometrie und der Tiefe des Luftraums ab. In der Praxis: Mit 5 bis 15 Prozent Perforationsgrad und 10 bis 15 cm Hohlraum absorbiert die Konstruktion primär Mitten und obere Bässe (200 bis 800 Hz) ordentlich.

Absorption

NRC 0,50 bis 0,75, frequenzabhängig. Mit dichterer Mineralwolle im Hohlraum nähert man sich NRC 0,80 bei optimaler Dimensionierung.

Preis

60 bis 150 Euro pro Quadratmeter, je nach Holzqualität und Aufwand.

Montage

Erfordert Unterkonstruktion und Abstand zur Wand. Kein Klebe-Produkt. Wer das an einem Samstagnachmittag erledigen will, plant besser zwei Samstage ein.

Für wen

Besprechungsräume, Büros, Wohnräume wo Optik wichtig ist und die Akustik nicht auf Studio-Niveau muss.

Helmholtz-Dimensionierung in der Praxis

Wer gelochte Platten selbst plant oder vom Hersteller präzisere Angaben fordert:

Eine Lochplatte mit 6 mm Löchern, 25 mm Lochabstand (quadratisch) und 10 cm Hohlraum dahinter — Resonanzfrequenz grob bei 300 bis 500 Hz. Das ist Mittelton-Absorption.

Für tiefere Frequenzen (unter 200 Hz) braucht man größere Hohlräume (über 20 cm) oder größere Öffnungen. Bei Wandpaneelen schnell unpraktisch. Bei 20 cm Hohlraumtiefe verliert der Raum pro Wand 20 cm, und bei vier Wänden hat das Zimmer am Ende die Grundfläche eines Aufzugs.

Die vereinfachte Helmholtz-Formel gibt Hinweise, aber die Messung nach Einbau bleibt der einzige zuverlässige Weg. Zu viele Praxiseinflüsse (Montagetiefe, Vliestyp, Leckagen) weichen vom theoretischen Wert ab. Die Theorie sagt "ungefähr da". Die Praxis sagt "lass mich messen". Vertraue der Praxis.

Bauweise 2: Echtholzfurnier auf Mineralwolle-Kern

Die teuerste und akustisch beste Variante der Holzpaneel-Welt. Ein Rahmen oder eine Platte aus Mineralwolle (70 bis 100 kg/m³) wird mit Echtholzfurnier auf einem Träger bespannt oder beklebt. Das Furnier ist dünn genug (0,5 bis 1 mm), dass Schall hindurch oder an den Seiten vorbei in die Mineralwolle eindringt.

Die Mineralwolle macht die Arbeit. Das Furnier bekommt den Kredit. Wie bei einem Ghostwriter und dem Prominenten auf dem Buchcover: Funktioniert, solange niemand zu genau hinschaut, wer was beiträgt.

Absorption

NRC 0,80 bis 0,92. Wenn das Furnier auf einem perforierten Träger oder Metallgitter sitzt, praktisch so gut wie Mineralwolle pur.

Preis

150 bis 350 Euro pro Quadratmeter. Die Optik macht den größeren Teil der Rechnung aus.

Montage

Aufwendig. Rahmen oder Systemschienen, fachgerechte Befestigung. Nichts für den gelegentlichen Heimwerker mit einer Bohrmaschine und guten Absichten.

Für wen

Repräsentative Räume, Konferenzräume, Homeoffice-Studios wo Budget und Optik zusammenpassen. Oder für Leute, die ihr Arbeitszimmer wie den Sitzungssaal einer Unternehmensberatung aussehen lassen wollen. Was kein schlechter Grund ist.

Bauweise 3: MDF-Latten auf Filzträger (der Instagram-Trend)

Hier wird es schmerzhaft ehrlich.

Das ist, was auf Pinterest, Instagram und in fast jedem Interior-Shop beworben wird. Schmale Holz- oder MDF-Latten auf einem Filzrücken. Fertigprodukte in allen Farben, einfach zu montieren, sehen auf Fotos toll aus. Ein Produkt, das seinen Aufstieg einer App verdankt, die für Selfies und Essensfotos erfunden wurde. Das sollte einem zu denken geben.

Die Absorption ist kaum messbar.

Warum

Die Latten reflektieren. Der Filzrücken (meist 3 bis 5 mm) hat Absorptionswerte unter 0,30 bei 1.000 Hz. Das Gesamtsystem — Latten plus Filz — kommt selten über NRC 0,25 bis 0,35. Zum Vergleich: Ein dicker Wohnteppich auf dem Boden bringt mehr als eine komplett verkleidete Wand mit diesen Paneelen. Kostet auch weniger. Man kann barfuß darauf stehen.

Preis

40 bis 120 Euro pro Quadratmeter.

Montage

Einfach. Kleben oder Klettverschluss. Das ist der große Pluspunkt und wahrscheinlich der eigentliche Grund für den Verkaufserfolg.

Ehrliche Einschätzung

Dekorationsprodukte. Kein Angriff, nur eine Einordnung. Man hängt auch Bilder an die Wand, ohne zu erwarten, dass sie den Nachhall reduzieren. Wer den Wohnraum schöner machen und die Nachhallzeit um 5 bis 10 Prozent senken möchte: gut. Wer erwartet, dass sein hallendes Zimmer dadurch leise wird: Vergiss es.

Das Hauptproblem ist die Vermarktung. Viele Produkte werden mit "Schallschutz" oder "Akustikpaneele" beworben, ohne Messwerte. Das ist wie ein Restaurant, das "Gourmetessen" auf die Karte schreibt und Tiefkühlpizza serviert. Nicht illegal. Nur enttäuschend.

Holzpaneele und Brandschutz

Holz brennt. Das wissen wir seit der Entdeckung des Feuers, und daran hat sich nichts geändert.

Rohe Holzprodukte (MDF, Sperrholz, Echtholz) liegen typischerweise in Brandschutzklasse B2. Behandelte Produkte können B1 erreichen.

Für Wohnräume ist B2 oft akzeptabel. Für Büros, Praxen, öffentlich zugängliche Räume und Mietflächen mit mehr als zehn Personen gilt in Deutschland in der Regel B1 für Raumverkleidungen. Variiert je nach Bundesland und Gebäudeklasse. So ist das mit Brandschutzvorschriften: kompliziert, weil Brände es auch sind.

Bei gelochten Holzplatten mit Mineralwolle-Kern verbessert der Kern den Brandschutz, weil Mineralwolle A1 ist. Die Holzoberfläche bleibt das schwächste Glied. Kettenhemd mit T-Shirt drüber: Die Verteidigung sitzt darunter, aber der erste Treffer kommt von außen.

Preissegmente

Unter 40 Euro/m²

MDF-Latten auf Filz, einfacher PU-Schaum, günstige PET-Filz-Varianten. Optisch in Ordnung, akustisch begrenzt.

40 bis 100 Euro/m²

Gelochte/geschlitzte Holzplatten mittlerer Qualität, PET-Filz 12 mm, Polyesterfaser 30 mm. Akustisch brauchbar bis gut, je nach dem, was hinter dem Produkt steckt.

100 bis 200 Euro/m²

Gelochte Holzplatten mit dokumentierten NRC-Werten, dünne Furnierpaneele auf absorptiven Kernen, Basotect-Verkleidungen.

Über 200 Euro/m²

Echtholzfurnier auf Mineralwolle, maßgefertigte Akustiksysteme, Designprodukte von Spezialherstellern. Hier beginnt der Bereich, in dem man sich fragt, ob man nicht ein Bild von einem Paneel an die Wand hängen und das Geld in Mineralwolle investieren sollte. Aber Ästhetik hat einen Wert. Wer das Budget hat, kauft hier die beste Kombination aus Funktion und Form.

Was Echtholz bedeutet und was nicht

Viele Produkte tragen "Echtholz" im Namen, meinen aber Furnier (0,5 bis 1 mm auf einem Träger) oder Holzfolie auf MDF. Der Unterschied ist ungefähr so groß wie zwischen echtem Leder und einem mit Ledergeruch besprühten Plastikbeutel.

Akustisch spielt das kaum eine Rolle, weil die Leistung vom Kern kommt. Ob 0,5 mm Eiche oder bedrucktes Papier: Für die Absorption bedeutungslos. Für den Preis erheblich.

Wer echtes Massivholz will — aus optischen oder haptischen Gründen — zahlt Aufpreis ohne akustischen Gewinn. Legitim. Man kauft auch Bilder, weil sie schön sind, nicht weil sie die Luftfeuchtigkeit regulieren. Sollte aber eine bewusste Entscheidung sein.

Vergleichstabelle

BauweiseNRC (typisch)Preis/m²MontageaufwandAkustische Funktion
Gelochte Platte + Vlies/Wolle0,50 bis 0,7560 bis 150 EURMittel bis hochGut (Mitten/Bässe)
Furnier auf Mineralwolle0,80 bis 0,92150 bis 350 EURHochSehr gut (Breitband)
MDF-Latten auf Filz0,15 bis 0,3540 bis 120 EURGeringMinimal
Vollholz-Paneele (massiv)0,04 bis 0,1080 bis 200 EURMittelKeine Absorption

Montage: Was bei Holzpaneelen anders ist

Holzpaneele sind schwerer als Schaumstoff oder Filz. Ein 60 x 120 cm Paneel aus MDF (18 mm) wiegt 8 bis 12 kg. Mit Mineralwolle-Kern schnell 15 bis 20 kg. Das ist kein Wandbild an einem Nagel. Das ist ein kleines Möbelstück, das an der Wand befestigt werden will.

Schienensysteme

Viele Fertigprodukte kommen mit Clip- oder Z-Schienen. Schiene an die Wand, Paneel einhängen. Austauschbar. Der Nachteil: Bei Rigips-Wänden braucht man Hohlraumdübel, die nie im Lieferumfang sind.

Direktverschraubung

Durch die Frontseite oder von hinten. Unsichtbare Verschraubung erfordert Versenkbohrungen. Für Geübte machbar, für Ungeübte eine Quelle von Frustration und kleinen Fluchworten.

Abstand zur Wand

Wenn das Paneel mit Helmholtz-Wirkung arbeiten soll, braucht es definierten Abstand. Abstandshalter oder Unterkonstruktion. Mehr Arbeit, mehr Material, mehr Platz den der Raum verliert. Akustik fordert Opfer, und in diesem Fall ist das Opfer Wohnfläche.

Welche Bauweise für welchen Raum

Wohnzimmer mit leichtem Hallproblem

MDF-Latten auf Filz reichen, wenn das Ziel "etwas weniger Nachhall" ist. Kombiniert mit Teppich, Vorhängen und Sofa genügt das für Wohnbehaglichkeit. Aspirin bei Kopfschmerzen: löst das Problem nicht, macht es erträglich.

Homeoffice mit Videokonferenz-Bedarf

Echte Absorption nötig. Gelochte Platten mit Vlies oder Furnier auf Mineralwolle. Alternativ: keine Holzoptik, sondern Basotect-Paneele mit Stoff. Günstiger, effektiver, sieht aber weniger nach Gründerserie aus.

Besprechungsraum

Gelochte Holzplatten mit Mineralwolle-Hohlraum, NRC 0,60 bis 0,75 angestrebt. Kombiniert mit Deckensegel ergibt das messbar bessere Sprachverständlichkeit. Man sagt seltener "Könnten Sie das nochmal wiederholen?" Der akustische Beitrag zum Betriebsfrieden.

Heimstudio / Aufnahmeraum

Furnier auf Mineralwolle oder konventionelle Mineralwolle-Paneele mit Stoff. Funktion vor Form. Wer 800 Euro pro Wand für Holzpaneele ausgibt, bekommt für dasselbe Geld doppelt so viele Mineralwolle-Absorber.

Restaurant

Echtholzfurnier auf Mineralwolle. Bestes Aussehen, beste Funktion. Ein Restaurant, in dem man sein Gegenüber nicht versteht, verliert Gäste. Eines, das aussieht wie ein Tonstudio, gewinnt keine. Hier braucht man beides.

Die häufigsten Missverständnisse

"Holz klingt warm, also verbessert es die Akustik"

Verbreitet, einleuchtend, falsch. Es verhält sich zur Akustik wie "Rot ist eine warme Farbe, also heizt sie den Raum" zur Thermodynamik. Warmer Klang entsteht durch Reflexionscharakter: Holz reflektiert anders als Beton, weil es leicht schwingt. Hat aber nichts mit Absorption zu tun.

"Die Schlitze bedeuten, dass Schall absorbiert wird"

Nur mit absorptivem Material dahinter. Eine geschlitzte Platte ohne Vlies oder Mineralwolle hat keinen Vorteil gegenüber einer glatten. Hübsch, aber wirkungslos.

"Teurer heißt akustisch besser"

Nein. 150 Euro pro Quadratmeter für MDF-Latten auf Filz versus 150 Euro für Furnier auf Mineralwolle: beides teuer, akustisch Lichtjahre entfernt.

"Ich brauche nur eine Wand zu behandeln"

Eine Wand macht in den meisten Räumen kaum messbaren Unterschied. Raumakustik ist ein Sechs-Flächen-Problem. Wer nur eine Wand behandelt, hat ein Sechstel des Problems angegangen. Besser als nichts, weniger als man denkt.

Pflege und Reinigung

MDF: Feuchtem Tuch abwischen. Keine starken Reinigungsmittel. MDF und Wasser sind keine Freunde — feucht, nicht nass.

Furnier: Sehr empfindlich gegenüber Feuchtigkeit. Trockener Staubwedel oder sehr leicht feuchtes Tuch. Wasserflecken bei geölten Oberflächen bleiben als stille Vorwürfe sichtbar.

Schlitzplatten mit Vlies dahinter: Das Vlies ist normalerweise unzugänglich. Staub sammelt sich an Rändern und Schlitzen. Staubsauger mit weichem Aufsatz, einmal im Quartal. Reicht.

Was viele nicht bedenken: Wenn das Vlies hinter der Holzoberfläche feucht wird — Kondenswasser, Leck — kann sich Schimmel bilden. Hohlräume hinter Wandverkleidungen sollten belüftet sein. Klingt nach Detailproblem. Bis es keines mehr ist.

Was vor dem Kauf gefragt werden sollte

Vier Fragen, die Anbieter beantworten können sollten:

  1. Gibt es einen Labortest (EN ISO 354) mit Alpha-Werten bei verschiedenen Frequenzen?
  2. Wie groß ist der Perforierungsgrad (bei gelochten/geschlitzten Produkten)?
  3. Welche Materialdichte hat der Kern?
  4. Wie groß muss der Wandabstand sein für die angegebenen Absorptionswerte?

Wenn auf diese Fragen keine konkreten Antworten kommen: skeptisch sein. Nicht böse. Nur skeptisch. Und beim nächsten Anbieter fragen.

Die meisten Holzpaneele auf Amazon sind Deko

Keine Übertreibung. Von den ersten zehn Amazon-Ergebnissen bei "Akustikpaneele Holz" haben acht oder neun keinen transparenten Nachweis für die angegebenen Absorptionswerte. Herstellerangaben wie "bis zu 95 Prozent Schallabsorption" ohne Laborwerte sind so belastbar wie "bis zu 100 Prozent der Käufer sind zufrieden" bei einem Produkt mit drei Bewertungen.

Produkte ohne nachweisbare Messwerte nicht kaufen, wenn es wirklich um Raumakustik geht. Die Holzoptik ist das Hauptverkaufsargument. Die Akustik meistens das Feigenblatt.

DIY-Option: Mineralwolle-Rahmen mit Holzfront

Wer Holzoptik und echte Funktion kombinieren möchte, ohne das Budget zu sprengen: Eigenleistung. Der venezianische Opernarchitekt von 1637 hatte auch keine Fertigprodukte. Er hatte Holz, Hohlräume und Pragmatismus.

Aufbau: Rahmen aus 5 x 5 cm Dachlatten, 10 cm Mineralwolle (Rohdichte 50 bis 70 kg/m³) einlegen, mit akustisch transparentem Stoff bespannen. Rahmen kann gebeizt oder lackiert werden. Wer Holzlatten an der Front befestigt — mit Abstand und offenen Fugen — bekommt optisch das Schlitzpaneele-Feeling bei guter Absorptionsleistung.

Kosten für ein 60 x 120 cm Paneel: 25 bis 45 Euro Material, 2 bis 3 Stunden Aufwand.

NRC: 0,85 bis 0,90 bei 500 Hz, 0,60 bis 0,70 bei 250 Hz. Deutlich besser als jedes Fertigprodukt in dieser Preisklasse. Und man hat hinterher das befriedigende Gefühl, etwas mit den eigenen Händen gebaut zu haben, das tatsächlich funktioniert. Kommt im Alltag seltener vor als man denkt.

Zertifikate und Messnachweise

Bei Holzpaneelen ist es noch schwieriger als bei Schaumstoff, verlässliche Messwerte zu bekommen. Hersteller testen wenig, weil Tests kosten und die Ergebnisse für den Großteil der Produkte nicht das hergeben, was die Marketingabteilung gerne auf die Verpackung drucken würde.

Worauf achten:


  • Testnorm EN ISO 354 (Messung im Hallraum) oder ASTM C423

  • alpha_w oder NRC-Wert mit Frequenzauflösung, nicht nur ein Gesamtwert

  • Angabe des Hohlraumabstands bei der Messung

Wenn ein Hersteller bei geschlitzten Platten alpha_w von 0,75 angibt, aber den Hohlraum verschweigt: nicht reproduzierbar. Montierst du dasselbe Produkt mit 5 cm statt 15 cm Hohlraum, kann der Wert um 0,30 absacken. Als würde ein Autohersteller die Höchstgeschwindigkeit angeben, aber verschweigen, dass bergab gemessen wurde.

Was gut aussieht und trotzdem funktioniert

Es gibt Produkte und DIY-Lösungen, die beides vereinen. Man muss bereit sein, Geld oder Zeit zu investieren. Beides gleichzeitig sparen funktioniert nicht — eine der wenigen universellen Regeln des Heimwerkens.

Schlitzplatten aus Birke-Sperrholz mit Mineralwolle dahinter

Natürliche Optik, warme Farbe, NRC 0,55 bis 0,70 bei guter Auslegung.

Echtholzfurnier auf Mineralwolle von Spezialherstellern

Das Teuerste hier, aber akustisch und optisch ohne Kompromisse. NRC 0,80 bis 0,90. Für Projekte ab 1.000 Euro Gesamtbudget.

DIY Holzrahmen mit Stoff und Holzleisten als Overlay

Mineralwolle im Rahmen, Akustikstoff bespannt, dann Holzleisten mit Abstand. NRC ca. 0,75 bis 0,85 je nach Leistenabstand. Handwerklich machbar, kostet einen Bruchteil der Fertigprodukte. Und man kann jedem Besucher erzählen, dass man es selbst gebaut hat. Nicht zu unterschätzender Bonus.

Nüchterne Zusammenfassung

Holzpaneele können akustisch gut sein. Aber nur wenn der Kern stimmt, die Konstruktion durchdacht ist und die Messwerte echt sind. Wer 80 Euro pro Quadratmeter für MDF-Latten auf Filz ausgibt und hofft, einen halligen Raum damit zu lösen, wird enttäuscht. Die Venezianer von 1637 wussten es nicht besser. Wir haben keine Ausrede.

Die sicherste Wahl für gute Akustik mit Holzoptik: Selbst gebaute Mineralwolle-Rahmen mit Holzlatten-Frontblende, oder Furnier auf Mineralwolle-Kern vom Spezialhersteller. Alles andere ist Kompromiss. Über den Grad des Kompromisses sollte man sich vor dem Kauf im Klaren sein. Nicht danach.

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