Nachhallzeit berechnen: Die Sabinesche Formel verständlich erklärt (mit Beispielrechnung)

Nachhallzeit berechnen: Die Sabinesche Formel verständlich erklärt (mit Beispielrechnung)

Es gibt Formeln, die man hört und sofort vergisst. E = mc². Kennt jeder, kann keiner anwenden. Und es gibt Formeln, die unscheinbar aussehen und dein Zimmer verändern. Die Sabinesche Formel gehört zur zweiten Sorte. Drei Buchstaben, eine Division, und danach weißt du, warum dein Wohnzimmer klingt wie eine Bahnhofshalle und was du dagegen tun kannst.

Die Formel trägt den Namen eines Mannes, der sie auf die vermutlich unwahrscheinlichste Art entdeckt hat: Wallace Clement Sabine, 27 Jahre alt, Physikdozent in Harvard, bekam 1895 den Auftrag, einen akustisch katastrophalen Hörsaal zu reparieren. Der Fogg Lecture Hall war so hallig, dass jedes gesprochene Wort fünfeinhalb Sekunden lang nachklang. In dieser Zeitspanne hätte ein gemächlicher Redner zwölf bis fünfzehn weitere Silben ausgesprochen. Stell dir vor, du sagst "Guten Morgen", und bevor das "Morgen" verklungen ist, hast du schon nach dem Wetter gefragt. Verständigung war in diesem Raum eine Übung in Geduld und Phantasie.

Was tat Sabine? Er lieh sich nachts Sitzkissen aus dem benachbarten Sanders Theatre, schleppte sie in den Hörsaal, maß den Nachhall mit einer Stoppuhr und einer Orgelpfeife, räumte morgens alles weg, und machte das wochenlang. Er zählte die Kissen. Notierte die Oberflächen. Rechnete. Und irgendwann, zwischen den Kissen und der Orgelpfeife, kristallisierte sich eine Formel heraus.

Sie ist bis heute in Gebrauch. Die Boston Symphony Hall, die Sabine 1900 akustisch beriet, gilt als einer der besten Konzertsäle der Welt. Manchmal beginnt gute Wissenschaft damit, dass ein junger Mann nachts Polster durch ein Universitätsgebäude trägt. Manchmal endet sie mit Brahms vor 2.600 Zuhörern, bei dem jede Note sitzt.


Was ist die Nachhallzeit (RT60)?

RT60 beschreibt, wie lang ein Schallereignis im Raum nachklingt, nachdem die Quelle verstummt ist. Genauer: die Zeit, in der der Schallpegel um 60 Dezibel abfällt — auf ein Millionstel der ursprünglichen Energie.

Klatscht du scharf in die Hände und hörst danach eine halbe Sekunde etwas, hast du eine RT60 von grob einer halben Sekunde. Turnhalle: drei Sekunden. Möbliertes Wohnzimmer: eine halbe. Profistudio: 0,2 Sekunden.

Warum gerade 60 dB? Weil das ungefähr der Abstand zwischen normaler Gesprächslautstärke und der Stille ist, die ein Ohr in einem ruhigen Raum wahrnimmt. Ein pragmatischer Grenzwert, der sich durchgesetzt hat. Nicht weil er physikalisch perfekt ist, sondern weil er gut genug ist. In der Ingenieurswelt ist "gut genug" oft wertvoller als "perfekt", was Perfektionisten schmerzt und Ingenieure beruhigt.


Warum sie wichtig ist — in beide Richtungen

Zu viel Nachhall ist offensichtlich schlecht. Sprache wird unverständlich, neue Silben kollidieren mit dem Nachklang alter. Jede Schulkantine demonstriert das: dreißig Kinder reden gleichzeitig, und es wird trotzdem immer lauter, weil jeder gegen seinen eigenen Nachhall anschreit. RT60 von 1,5 bis 2 Sekunden in einem kahlen Raum.

Zu wenig Nachhall ist weniger offensichtlich, aber genauso schlecht. Ein Proberaum, den ein Bekannter so lückenlos mit Absorbern bekleidet hatte, dass er aussah wie das Innere einer Daunenjacke: Gespräche fühlten sich an, als würde man in ein Kissen sprechen. Die Musiker konnten sich nicht hören, spielten lauter, was das Gegenteil von dem war, was sie wollten. Der Raum war nicht behandelt. Er war erstickt.

Was der richtige Wert ist, hängt davon ab, was du im Raum machst. Tabelle kommt weiter unten.


Die Sabinesche Formel

RT60 = 0,163 × V / A

Drei Variablen. Eine Division. Keine Integrale, keine Exponenten, kein Taschenrechner mit Wissenschaftsmodus nötig. Sabine destillierte aus Kissen und Orgelpfeifen eine Gleichung, die hundert Jahre später noch stimmt. Das nenne ich Effizienz.

V: Raumvolumen in Kubikmetern

V = Länge × Breite × Höhe

5 m lang, 4 m breit, 2,5 m hoch = 50 m³. Der einfache Teil.

A: Äquivalente Absorptionsfläche in m²

A beschreibt, wie viel Schall im Raum insgesamt verschluckt wird. Die Einheit heißt offiziell Sabine — benannt nach dem Mann mit den Kissen — wird aber meistens als m² geschrieben.

Berechnung: Für jede Oberfläche im Raum multiplizierst du die Fläche mit ihrem Absorptionskoeffizienten α.

A = Σ (Fläche × α)

Alpha liegt zwischen 0 (totale Reflexion) und 1 (totale Absorption). Beton: 0,02. Offenes Fenster: 1,00. Dazwischen liegt alles, was in einem Wohnzimmer steht — inklusive des Sofas, das mit α = 0,45 erheblich mehr schluckt, als die meisten ihrem Sofa zutrauen.

Das Sigma bedeutet nur: Mach das für jede Oberfläche und addiere die Ergebnisse. Klingt wissenschaftlicher als es ist.

Der Faktor 0,163

Ergibt sich aus der Schallgeschwindigkeit in Luft bei Raumtemperatur (343 m/s). In manchen Lehrbüchern steht 0,161. Der Unterschied ist in der Praxis irrelevant. Wer sich über 0,002 streitet, hat zu viel Freizeit und zu wenig Kissen.


Absorptionskoeffizienten gängiger Materialien

Typische α-Werte für mittlere Frequenzen (500 bis 1.000 Hz), also den Bereich, der für Sprache und Musik am wichtigsten ist.

Oberfläche / MaterialAbsorptionskoeffizient α
Sichtbeton, glatt0,02
Putz, glatte Wand0,03
Gipskartonplatte auf Ständern0,10
Normales Glas, Fensterscheibe0,03
Holzparkett auf Estrich0,05
Kurzfloriger Teppich0,20
Hochfloriger Teppich0,35
Schwerer Vorhang, faltenwerfend0,35
Vollgestelltes Bücherregal0,20
Sofa (gepolstert, Stoff)0,45
Person sitzend0,40
Offene Tür oder Fenster1,00
Richtwerte. Für eine erste Planung völlig ausreichend. Wer genauere Zahlen braucht, findet sie in Herstellerdatenblättern von aixfoam, Silenti oder t.akustik, und in der DIN 18041. Sabines Methode war übrigens dieselbe: erst grob rechnen, dann nachmessen. Er hätte Online-Rechner geliebt. Die DIN 18041 vermutlich weniger — DIN-Normen haben das Talent, einfache Dinge kompliziert zu formulieren.

Beispielrechnung: Ein konkretes Wohnzimmer

5 m lang, 4 m breit, 2,5 m hoch. Holzparkett, verputzte Wände, zwei Glasfenster, eine Holztür, ein Sofa, ein Bücherregal.

Schritt 1: Raumvolumen

V = 5 × 4 × 2,5 = 50 m³

Schritt 2: Alle Flächen und ihre Absorption

ElementFläche (m²)αBeitrag zu A
Boden Parkett200,051,00
Decke Putz200,030,60
Wand 1 Putz12,50,030,38
Wand 2 Putz12,50,030,38
Wand 3 Putz50,030,15
Glasfenster30,030,09
Bücherregal20,200,40
Wand 4 Putz80,030,24
Holztür20,050,10
Sofa20,450,90

Schritt 3: A addieren

A = 1,00 + 0,60 + 0,38 + 0,38 + 0,15 + 0,09 + 0,40 + 0,24 + 0,10 + 0,90
A = 4,24 m²

Schritt 4: RT60 berechnen

RT60 = 0,163 × 50 / 4,24
RT60 = 8,15 / 4,24
RT60 ≈ 1,92 Sekunden

Fast zwei Sekunden. Für ein Wohnzimmer ist das ungefähr so weit vom Idealwert entfernt wie eine Kantine von einem Restaurant. Spärlich möbliert, harte Oberflächen, klingt wie eine kleine Turnhalle. Jetzt steht eine Zahl dahinter. Sabine wusste das 1895. Er hatte nur eine Stoppuhr und kein Spreadsheet.


Zielwerte: Was für welchen Raum?

RaumtypOptimale RT60
Wohnzimmer, Esszimmer0,4 bis 0,6 s
Büro (Einzelbüro, Besprechungsraum)0,5 bis 0,8 s
Heimkino0,3 bis 0,5 s
Podcast-Studio, Sprachaufnahme0,2 bis 0,4 s
Musikstudio (Recording)0,2 bis 0,4 s
Proberaum0,4 bis 0,6 s
Klassenzimmer (nach DIN 18041)0,4 bis 0,6 s
Unser Wohnzimmer mit 1,92 Sekunden liegt etwa vierfach über dem Zielwert von 0,5 Sekunden. Das ist keine Abweichung. Das ist ein Totalausfall.

Kurzer Abstecher: Eyring

Sabines Formel hat eine Schwäche, die man erwähnen sollte: Sie ist am genauesten, wenn die Absorption im Raum gering ist. In stark bedämpften Räumen — ein Studio etwa — rechnet sie zu hohe Werte.

Carl Eyring korrigierte das 1930:

RT60 = 0,163 × V / (-S × ln(1 - ā))

S ist die gesamte Raumoberfläche, ā der mittlere Absorptionsgrad, ln der natürliche Logarithmus. Sieht bedrohlich aus, macht aber dasselbe — nur mit einer Korrektur für Räume, die schon viel Absorber enthalten.

Für Wohnräume, Heimkino und Büro brauchst du Eyring nicht. Erst wenn der mittlere Absorptionsgrad über 0,2 bis 0,3 steigt, weichen die Formeln spürbar voneinander ab. Im Alltag nimm Sabine. Fertig.


Was tun, wenn die RT60 zu hoch ist?

Zurück zum Wohnzimmer: RT60 ≈ 1,92 s. Ziel: 0,5 s. Wie viel Absorption fehlt?

Rückrechnung

A_ziel = 0,163 × V / RT60_ziel
A_ziel = 0,163 × 50 / 0,5
A_ziel = 16,3 m²

Wir haben 4,24 m². Es fehlen:

ΔA = 16,3 - 4,24 = 12,06 m²

Zwölf zusätzliche Sabine. Der Mann hätte das amüsant gefunden. Mit Paneelen bei α = 0,80 bedeutet das:

Fläche = 12,06 / 0,80 ≈ 15 m²

15 Quadratmeter klingt nach viel. Muss aber nicht alles an die Wand. Bevor du Paneele kaufst, hol dir erst, was ohnehin in Wohnräume gehört:

  1. Teppich auf hartem Boden. 20 m² Teppich mit α = 0,20 bringt 4 Sabine. Kostet einen Bruchteil von Akustikpaneelen.
  2. Schwere Vorhänge an den Fenstern. Nicht die dünnen dekorativen. Verdunkelungsvorhänge mit Faltenwurf.
  3. Volle Bücherregale. Bücher sind ordentliche Diffusoren und moderate Absorber. Diese Eigenschaft steht selten auf Buchrücken, gehörte dort aber hin.

Wenn du danach die RT60 neu berechnest und sie immer noch zu hoch ist, kaufst du Akustikpaneele. In vielen Wohnräumen reichen die drei Maßnahmen oben. Sabine löste seinen Hörsaal mit Sitzkissen. Du löst dein Wohnzimmer vielleicht mit einem Teppich und einem Bücherregal. Weniger dramatisch, genauso effektiv.


Was die Formel nicht kann

Die Sabinesche Formel gibt einen Mittelwert über alle Frequenzen. In der Realität absorbieren Materialien frequenzabhängig: Teppich schluckt Höhen, lässt Bass durch. Bassfallen adressieren das. Und die Formel setzt voraus, dass der Schall im Raum gleichmäßig verteilt ist — was in kleinen, asymmetrisch möblierten Räumen ungefähr so gut stimmt wie die Annahme, dass der Durchschnittsmensch 1,9 Beine hat.

Für die Planung reicht sie trotzdem. Du weißt, in welche Richtung du musst. Du rechnest nach jeder Maßnahme neu. Und wenn du dann misst, wirst du feststellen, dass Berechnung und Messung nicht exakt übereinstimmen. Normal. War bei Sabine auch so. Er hat trotzdem einen der besten Konzertsäle der Welt beraten. Manchmal ist "ungefähr richtig" wertvoller als "exakt falsch".


Direkt ausprobieren

Wer nicht jedes Mal mit Zettel und Stift rechnen will: Auf akustikfuchs.de entsteht gerade ein Nachhallzeit-Rechner. Raummaße eingeben, Oberflächen auswählen, RT60 ablesen, fehlende Absorberfläche berechnen. Bis der fertig ist, funktioniert die Formel hier genauso gut. Und du weißt jetzt, was hinter der Zahl steckt. Mehr, als Wallace Sabine je von seinen Studenten erwarten konnte — die hatten ja auch keine Formel. Die hatten nur Kissen.


Weiterführend auf akustikfuchs.de

Noch keine Kommentare

Sei der Erste, der einen Kommentar hinterlässt.

Kommentar schreiben