Ich habe drei Jahre lang Geld für Akustikprodukte ausgegeben, ohne meinen Raum jemals gemessen zu haben. Drei Jahre. Das ist, als würde man drei Jahre lang Medikamente nehmen, ohne zu wissen, was einem fehlt. Es kann trotzdem helfen. Aber als Plan taugt es nicht.
Dann habe ich REW heruntergeladen, ein Messmikrofon angeschlossen, auf "Measure" geklickt, und zum ersten Mal gesehen, was mein Raum wirklich tat. Eine Raummode bei 78 Hz, die ich als "irgendwie dröhnt's" kannte, war plötzlich ein Peak von 16 dB auf dem Bildschirm. Ein Problem mit einer Adresse. Und mit einer Adresse konnte ich etwas anfangen.
REW — Room EQ Wizard — ist kostenlose Software, geschrieben von einem einzelnen Mann, der das seit über zwanzig Jahren als Hobby betreibt und nie einen Cent dafür verlangt hat. John Mulcahy, britischer Ingenieur, baute das Tool 2003 ursprünglich für TAG McLaren Audio, weil die Einrichtung ihrer AV-Receiver teure Messsoftware erforderte. Was als Tabellenkalkulation begann, wurde ein eigenständiges Programm. Was ein eigenständiges Programm war, wurde das meistgenutzte Akustikmesswerkzeug der Welt. 330.000 Zeilen Java-Code, 25.000 aktive Nutzer pro Monat, ein Entwickler. Auf die Frage nach seiner Motivation sagte Mulcahy einmal: "Es ist besser als Sudoku, um der Senilität vorzubeugen."
Was REW tut
REW spielt einen kalibrierten Testton ab — einen Sweep, der das gesamte Frequenzspektrum durchläuft — und nimmt gleichzeitig mit einem Mikrofon auf, was im Raum passiert. Aus der Differenz zwischen dem gesendeten und empfangenen Signal berechnet die Software: Nachhallzeit, Frequenzgang, Wasserfall-Diagramm, Impulsantwort.
REW verändert nichts an deinem Klang. Es zeigt dir, was ist. Ein Spiegel, kein Friseur. Was du danach aus der Wahrheit machst, ist deine Sache.
Was du brauchst
Computer
Windows, Mac oder Linux. Java wird beim Download mitgeliefert.
Messmikrofon
Dein Studiomikrofon taugt nicht — es hat einen eigenen Frequenzgang und verfälscht die Messung. Du brauchst ein kalibriertes Mikrofon.
Zwei Optionen:
Das UMIK-1 von miniDSP: 80 bis 90 EUR. USB-Anschluss, keine Treiber, individuelle Kalibrierungsdatei für jedes Exemplar. Einstecken, messen. So einfach, dass es fast verdächtig ist.
Das Behringer ECM8000: 40 bis 50 EUR. Braucht ein Audio-Interface mit Phantomspeisung. Generische Kalibrierungsdateien auf der REW-Website. Vergleichbare Ergebnisse, etwas mehr Aufwand.
Stativ
Mikrofon auf Ohrhöhe, nicht in der Hand. Die Hand zittert, und jedes Kratzen während des Sweeps taucht in der Kurve auf. 20 EUR.
Gesamtinvestition: unter 150 EUR. Dafür weißt du danach mehr über deinen Raum als die Mehrheit der Leute, die teure Akustikprodukte kaufen, ohne je gemessen zu haben.
Installation und Audio-Setup
Geh auf roomeqwizard.com. Die Website sieht aus wie 2004. Das ist kein Bug, das ist Prinzip. Keine Cookies, keine Accounts, kein Tracking. Runterladen, installieren, starten.
In den Einstellungen (Preferences > Soundcard):
Input
Dein Messmikrofon.
Output
Deine Soundkarte oder dein Audio-Interface, über das die Lautsprecher laufen. Immer Lautsprecher, nie Kopfhörer. REW will wissen, was der Raum mit dem Signal macht. Kopfhörer sind Räume ohne Raum, was philosophisch interessant, aber messtechnisch nutzlos ist.
Kalibrierung
Die .cal-Datei für dein Mikrofon laden. Beim UMIK-1: auf der miniDSP-Website registrieren, Seriennummer eingeben, Datei runterladen. Beim ECM8000: generische Datei von der REW-Website.
Warum das wichtig ist: Jedes Mikrofon hat seine eigene Frequenzkurve. Ohne Korrektur denkst du, dein Raum hat ein Höhenproblem, obwohl nur das Mikrofon dort lauter reagiert. Ohne Kalibrierung zu messen ist wie Wiegen auf einer Waage, die 5 Kilo daneben liegt, und dann Diät anfangen. Die Diät hilft vielleicht trotzdem, aber die Grundlage war falsch.
Pegel
REW zeigt oben rechts den aktuellen Pegel. Etwas abspielen, schauen ob die Anzeige reagiert. Beim Testton auf 70 bis 80 dB kommen. Zu leise = schlechter Rauschabstand, unruhige Kurven.
Messung 1: Nachhallzeit (RT60)
Wie du misst
"Measure" klicken. Sweep-Typ: "Logarithmic Sweep". Länge: "2M" (zwei Sekunden). Mikrofon auf Stativ, an deiner Hörposition. Still sein oder den Raum verlassen. Du selbst bist ein Absorber, und jedes Geräusch landet in der Messung. Einer der wenigen Momente, in denen vollständige Passivität die produktivste Handlung ist.
Was die Kurve zeigt
Im RT60-Fenster: Nachhallzeit in Sekunden über das Frequenzspektrum. Typischer unbehandelter Raum: Im Bass schießt die RT60 auf 1,5 bis 2 Sekunden. Im Mittelton 0,5 bis 0,8. Höhen unter 0,3.
Das übliche Bild: Bässe hallen ewig, Mitten sind okay, Höhen verschwinden schnell. Im Mix bedeutet das: Bassinstrumente verschmieren, alles hat einen Tiefton-Charakter, der auf anderen Systemen fehlt.
Zielwerte
REW zeigt T20, T30 und EDT. Für Einsteiger ist T20 am verlässlichsten.
| Raumtyp | RT60-Ziel |
|---|---|
| Podcast/Sprachaufnahme | 0,2 bis 0,3 s |
| Homestudio, Recording | 0,2 bis 0,4 s |
| Heimkino | 0,3 bis 0,5 s |
| Wohnzimmer | 0,4 bis 0,6 s |
| Proberaum | 0,5 bis 0,7 s |
Messung 2: Frequenzgang
Was er zeigt
Im "SPL"-Fenster siehst du, wie laut jede Frequenz an deiner Hörposition ankommt. Ein unbehandelter Raum zeigt Berge und Täler, manchmal 20 bis 30 dB tief. Das sind Raummoden.
Peaks lassen sich theoretisch mit parametrischem EQ absenken. Dips nicht. Ein Dip ist destruktive Interferenz — hebst du mit EQ an, erhöhst du Verzerrung, nicht den Pegel. Du wirst es verstehen, sobald du es versuchst. Jeder versucht es einmal. Manche zweimal. Dann hat man es kapiert.
Wo messen
Nicht in der Raummitte — dort überlagern sich Moden besonders heftig. Miss an deiner echten Hörposition. Plus zwei bis drei weitere Punkte, 30 bis 50 cm versetzt. Raummoden sind standortabhängig. Was auf deinem Stuhl dröhnt, kann zwanzig Zentimeter weiter fast weg sein. Das ist keine Messungenauigkeit. Das ist Physik in kleinen Räumen.
Messung 3: Wasserfall
Was es zeigt
Drei Dimensionen: X = Frequenz, Y = Pegel, Z = Zeit. Du siehst, wie schnell der Schall bei jeder Frequenz abklingt.
In einem guten Raum fällt die Kurve gleichmäßig. In einem unbehandelten bleiben einzelne Frequenzen stehen. Besonders Bässe zwischen 50 und 200 Hz hängen 500 bis 1.000 Millisekunden länger als der Rest. Das ist die visuelle Bestätigung dessen, was du wahrscheinlich schon gehört hast: Manche Noten dröhnen nach, andere nicht.
Problemfrequenzen finden
Frequenzen, die besonders lang "leuchten", sind deine Ziele für Bassfallen. Bei einer Raummode sieht das aus wie ein Kamm, der in die Zeitachse ragt. Notieren. Adressieren.
Vorher/Nachher: Was Absorber in der Messung verändern
15 m² Raum, unbehandelt. Kahle Wände, Laminat, Schreibtisch und Stuhl.
Vorher
- RT60 bei 100 Hz: 1,4 Sekunden
- RT60 bei 1.000 Hz: 0,6 Sekunden
- Frequenzgang: Peak bei 82 Hz (+18 dB), Dip bei 165 Hz (-14 dB)
- Wasserfall: 82 Hz hängt 800 ms nach
Nach zwei Bassfallen und vier Breitbandabsorbern
- RT60 bei 100 Hz: 0,5 Sekunden
- RT60 bei 1.000 Hz: 0,3 Sekunden
- Peak bei 82 Hz: +8 dB (statt +18)
- Wasserfall: 82 Hz klingt nach 200 ms ab
Der Peak ist nicht weg. Raummoden verschwinden nie vollständig. Aber der Unterschied zwischen 18 dB und 8 dB Übererhöhung ist gewaltig. Den hörst du. Und du siehst ihn. Und zum ersten Mal verstehst du, was dein Raum tut, statt es zu vermuten.
Typische Fehler
Mikrofon nicht kalibriert
Ohne Kalibrierungsdatei misst du den Raum plus die Eigenfarbe des Mikrofons. Beim UMIK-1 dauert das Laden der Datei zwei Minuten. Es gibt keinen Grund, das zu überspringen. Wirklich keinen.
Zu leise gemessen
Unter 60 bis 65 dB wird der Rauschabstand schlecht. Kurven werden unruhig. Pegel aufdrehen oder nachts messen.
Hintergrundgeräusche
REW nimmt alles auf. Straßenlärm, Kühlschrank, Klimaanlage, jemand auf der Treppe. Vorher prüfen, ob der Hintergrundpegel unter 30 bis 35 dB liegt. Am besten nachts messen. Hat auch den Vorteil, dass niemand reinkommt und fragt, was du mit dem Mikrofon auf dem Stativ machst.
Nur eine Position
Ein einzelner Messpunkt zeigt nur diese Stelle. Mindestens drei bis fünf Positionen. Was überall auftaucht, ist ein echtes Problem. Was nur an einer Stelle auftaucht, ist lokal.
Nicht nachgemessen
Du stellst Bassfallen auf, findest, es klingt besser. Mag stimmen. Aber wie viel besser? Und wo bleibt ein Problem? Nach jeder Maßnahme erneut messen. Nur so weißt du, ob das Geld gut angelegt war. Sabine hat 1895 genauso gearbeitet: Kissen rein, messen. Kissen raus, messen. Immer wieder. Er hatte keine Software. Nur Geduld und eine Stoppuhr. Du hast beides plus REW. Und REW ist, wie gesagt, besser als Sudoku.
Was du mit den Ergebnissen machst
RT60 gleichmäßig zu hoch
Breitbandabsorber an Seitenwände und Decke. Erstreflexionspunkte zuerst. [INTERNER LINK: "Absorber vs. Diffusor: Was brauchst du wirklich?"]
RT60 im Bass unverhältnismäßig hoch
Bassfallen in die Ecken. Alle vier wenn möglich. [INTERNER LINK: "Nachhallzeit berechnen"]
Starke Peaks unter 200 Hz
Absorber und Bassfallen zuerst, dann eventuell parametrischer EQ zum Nachkorrigieren. Raumursache behandeln, nicht das Symptom.
Tiefe Dips
Nicht durch Absorber behebbar. Andere Lautsprecher- oder Hörposition versuchen. Manchmal reichen 50 cm.
Wasserfall zeigt langes Nachklingen
Bassfallen für tiefe Frequenzen, Absorber an parallelen Wänden für höhere.
REW ist der Anfang, nicht das Ende
Eine Messung sagt viel. Aber der Wert liegt im Vergleich: vorher gegen nachher. Führe eine einfache Tabelle — was wo steht, was sich in der RT60-Kurve verändert hat.
Die meisten, die mit REW anfangen, sind überrascht. Das Dröhnen war nicht das Lautsprecher-Setup, sondern eine Mode bei 78 Hz. Die nasale Stimme in der Aufnahme war kein Mikrofon-Problem, sondern ein Peak bei 300 Hz durch parallele Seitenwände. REW macht das sichtbar.
John Mulcahy hat einmal gesagt: "Ich mag die Idee, dass Leute Zugang zu Werkzeugen haben, die ihnen helfen, ihre Hörumgebung zu verstehen, ohne dafür bezahlen zu müssen." Bescheiden formuliert. Aber es hat die Audiobranche verändert. Früher war Raummessung etwas für Profis mit Hardware für tausende Euro. Heute reichen 80 EUR, ein Stativ und die Bereitschaft, eine steile Lernkurve zu akzeptieren.
Du rätst nicht mehr. Das ist der Unterschied zwischen jemandem, der Geld für Akustik ausgibt und hofft, und jemandem, der Geld für Akustik ausgibt und weiß.




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