Es ist Dienstagvormittag, halb elf. Du sitzt im Großraumbüro, versuchst eine E-Mail zu formulieren, und drei Meter weiter erklärt jemand seiner Kollegin lautstark, warum das Meeting von gestern "eigentlich überflüssig" war. Dann klingelt ein Handy. Dann lacht jemand. Du schreibst die erste Satzhälfte dreimal an und löschst sie wieder.
Irgendwann am Nachmittag hast du das Gefühl, dein Kopf sei aus Watte. Du bist nicht krank, du hast nicht besonders viel gemacht — du bist einfach erschöpft von einem Tag im offenen Büro.
Forschende einer spanischen Universität haben Anfang 2026 eine Studie veröffentlicht, die genau diesen Zustand mit Elektroden am Kopf gemessen hat. Und das Ergebnis macht den Großraumbüro-Befürwortern das Leben nicht einfacher.
Elektroden statt Fragebögen
26 Teilnehmer, Mitte zwanzig bis Mitte sechzig, trugen drahtlose EEG-Headsets und erledigten typische Büroaufgaben: Benachrichtigungen überwachen, E-Mails lesen und beantworten, Wortlisten auswendig lernen und wiedergeben. Das war einmal in einem gewöhnlichen Großraumbüro mit Kollegen in der Nähe — und einmal in einer kleinen, geschlossenen Arbeitskabine mit Glasscheiben.
EEG steht für Elektroenzephalogramm: Das Gerät misst die elektrische Aktivität des Gehirns über die Schädeldecke. Verschiedene Frequenzbänder — von Neurowissenschaftlern als Wellen bezeichnet — entsprechen dabei verschiedenen Gehirnzuständen. Delta-Wellen tauchen im Tiefschlaf auf. Theta deutet auf Entspannung und nach innen gerichtete Konzentration hin, ist aber auch ein Indikator für Arbeitsgedächtnis und mentale Erschöpfung. Alpha steht für passive Aufmerksamkeit. Beta für Anspannung und nach außen gerichtete Wachheit. Gamma für fokussierte Konzentration bei komplexen Denkprozessen.
Die Forscher schauten sich vor allem die Stirnregion des Gehirns an — jenen Bereich, der für Aufmerksamkeit, Konzentration und das Herausfiltern von Ablenkungen zuständig ist.
Was das Gehirn im Großraum wirklich tut
In der Arbeitskabine passierte etwas, das man intuitiv erwarten würde: Beta- und Alpha-Wellen gingen im Verlauf der Aufgaben zurück. Das Gehirn musste weniger Aufwand betreiben, je länger es arbeitete — eine Art Effizienzgewinn. Routine stellte sich ein.
Im Großraumbüro war es genau andersherum. Gamma-Wellen stiegen kontinuierlich an. Theta-Wellen ebenfalls. Beides zusammen bedeutet: Das Gehirn arbeitete sich warm, statt sich einzupendeln. Die fokussierte Konzentration und die damit verbundene mentale Belastung nahmen zu, anstatt abzufallen.
Das ist der entscheidende Punkt. Die Teilnehmer haben die Aufgaben trotzdem erledigt — ihre Leistung war nach außen hin vergleichbar. Aber ihr Gehirn hat dafür deutlich mehr Ressourcen verbraucht. Im Großraum kostet dieselbe Arbeit mehr.
Dazu kommt ein zweiter Befund: Die individuelle Streuung war im offenen Büro viel größer als in der Kabine. Manche Teilnehmer zeigten dramatische Anstiege in der Gehirnaktivität, andere nur moderate. Menschen reagieren auf Lärm und Ablenkung sehr unterschiedlich — was bedeutet, dass pauschale Aussagen wie "die meisten kommen damit zurecht" statistisch richtig, aber für einen beträchtlichen Teil der Belegschaft falsch sein können.
Man kann Lärm nicht einfach ignorieren
Ein Gedanke, der in der Diskussion um Großraumbüros immer wieder auftaucht: Man gewöhnt sich dran. Man lernt, Hintergrundgeräusche auszublenden.
Stimmt, aber mit einem Haken. Das Ausblenden selbst kostet Kapazität. Auch wenn man das Gespräch nebenan nicht mehr bewusst wahrnimmt — das Gehirn arbeitet weiter daran, es zu unterdrücken. Die Gamma- und Theta-Anstiege in der Studie passierten auch bei Teilnehmern, die subjektiv angaben, kaum abgelenkt zu sein. Das Ausfiltern läuft im Hintergrund, ob man will oder nicht.
Eine frühere Studie von Libby Sander, Professorin für Organisationsverhalten an der Bond University in Australien, hatte das 2021 schon auf anderem Weg gezeigt. 43 Teilnehmer absolvierten Büroaufgaben unter kontrollierten Bedingungen; Herzrate, Hautleitwert und Gesichtsausdruck wurden über KI-gestützte Emotionserkennung ausgewertet. Ergebnis: Im offenen Büro stieg die negative Stimmung um 25 Prozent, die physiologische Stressreaktion um 34 Prozent. Das war messbar, nicht gefragt.
Hintergrundgespräche verschlechtern nachweislich die Leistung bei kognitiven Aufgaben. Das ist kein neuer Befund — aber er wird in der Architektur- und Büroplanung bemerkenswert zuverlässig ignoriert. Eine Analyse aus dem Jahr 2013, die Daten von über 42.000 Büroarbeitenden aus den USA, Finnland, Kanada und Australien zusammenführte, kam zum selben Schluss: Wer in offenen Büros arbeitet, ist weniger zufrieden — und als häufigster Grund wurde unkontrollierbarer Lärm genannt, noch vor mangelnder Privatsphäre.
Das ist ein gut dokumentiertes Problem, das seit mindestens einem Jahrzehnt bekannt ist. Die EEG-Studie von 2026 liefert dazu keine Überraschung, sondern Neurophysiologie. Der Unterschied ist: Jetzt sieht man es in den Gehirnwellen.
Warum das trotzdem kaum jemanden zu stören scheint
Hier wird es ein bisschen frustrierend. Der Siegeszug des Großraumbüros hat mit den Erkenntnissen der Lärmforschung herzlich wenig zu tun. Er hat mit Mietkosten zu tun, mit Flexibilität, mit der Idee des "zufälligen Austauschs" zwischen Mitarbeitenden — einer Theorie, die ihrerseits nicht besonders gut belegt ist.
LinkedIn hat zumindest reagiert. Das Unternehmen hat seinen Hauptsitz in San Francisco umgebaut: Die Zahl der offenen Arbeitsplätze wurde halbiert, stattdessen entstanden 75 verschiedene Arten von Arbeitsbereichen — darunter explizite Ruhezonen für fokussiertes Arbeiten. Das klingt nach gesundem Menschenverstand, ist im Büroalltag aber noch die Ausnahme.
Was man tatsächlich tun kann
Die Forschenden empfehlen akustische Trennelemente, verschiedene Arbeitszonen, Sound-Masking und Ruhebereiche. Klingt nach viel, läuft aber auf denselben Gedanken hinaus: Das Gehirn braucht Schutz vor unkontrollierbarem Lärm, weil es sich davor nicht selbst schützen kann, ohne dabei Kapazität zu verlieren.
Auf der Ebene des Raums bedeutet das: Absorber, Deckenpaneele, Trennwände aus schallabsorbierendem Material. Sie reduzieren den Nachhall und dämpfen Stimmen, bevor sie sich über den Raum ausbreiten — was wesentlich mehr bringt als Ohrstöpsel für alle. Wer sich da genauer einlesen will, findet unter Akustikpaneele im Vergleich eine Übersicht, welche Produkte für welche Situationen geeignet sind.
Auf der persönlichen Ebene hilft oft schon ein Tischtrennwand oder eine kleine Kabine für konzentriertes Arbeiten — und natürlich Homeoffice-Regelungen für Arbeit, die echte Ruhe braucht. Die Akustik zuhause ist meistens besser als im Büro, schlicht weil der Raum kleiner und der Lärmpegel kontrollierbarer ist. Was man dort trotzdem verbessern kann, steht unter Homeoffice Akustik verbessern.
Für größere Büros gibt es inzwischen auch Sound-Masking-Systeme, die gezielt Hintergrundgeräusche erzeugen, um Sprachverständlichkeit zu reduzieren — paradoxerweise macht mehr Hintergrundgeräusch das störende Gespräch nebenan weniger ablenkend, weil es nicht mehr so klar herauszuhören ist. Das ist eine Nischenlösung, aber in manchen Situationen sehr wirkungsvoll. Mehr dazu im Artikel Schallschutz im Büro.
Lärm als Komfortproblem — diese Rahmung ist falsch
Es gibt eine Tendenz, Lärm am Arbeitsplatz als Komfortproblem zu behandeln — als etwas, das manche Menschen einfach nicht gut ertragen, während andere problemlos damit umgehen. Die EEG-Daten passen da nicht rein. Das Gehirn jedes Teilnehmers hat im Großraum mehr gearbeitet als in der Kabine. Nicht weil die Menschen schlecht mit Ablenkung umgehen konnten, sondern weil das Gehirn gar keine andere Wahl hat. Es muss filtern. Das kostet Energie. Energie, die hinterher fehlt.
Die individuelle Streuung bleibt real — manche Menschen reagieren stärker, andere weniger. Aber dass das offene Büro das Gehirn grundsätzlich mehr belastet als ein ruhigerer Arbeitsplatz, ist nach dieser Datenlage keine Meinung mehr.
Das sollte eigentlich Konsequenzen haben, für Büroplanung, für Homeoffice-Regelungen, für die Art, wie man über Lärm am Arbeitsplatz spricht. Ob es sie hat, ist eine andere Frage.
Stand: April 2026.




Noch keine Kommentare
Sei der Erste, der einen Kommentar hinterlässt.
Kommentar schreiben